Im Januar 2000 erreicht den Fußballer Jörg Böhme ein Anruf von seinem Berater. "Jörg, morgen meldet sich Rudi Assauer bei dir." Böhme, ein begnadeter Linksfuß, sucht einen neuen Arbeitgeber. Assauer, Schalkes Manager, will Böhme haben. "Über die Zahlen haben wir gesprochen", sagt Böhmes Berater, "die stimmen. Ach so: Der Assauer ist Frühaufsteher, also halt dich bereit!" Böhme legt sein Handy auf den Nachttisch. Um sechs Uhr klingelt das Telefon. "Na, Junge", röhrt Assauer, "schläfste noch?" "Nee, nee", antwortet Böhme verschlafen, "ich war schon mit dem Hund draußen!"

"Und dann", erinnert sich Böhme, "hatten wir ein super Gespräch. Rudi fand ich überragend. Bei dem konntest du ohne Bedenken einen Blankovertrag unterschreiben. Der hat nicht rumgeeiert, dem konnte man vertrauen." Böhme wechselte schließlich zum FC Schalke, bereitete in 131 Spielen 36 Tore vor und erzielte 31 Treffer selbst, drei davon in den Pokalendspielen 2001 und 2002. Rudi Assauer hatte mal wieder den richtigen Riecher bewiesen.

"Über Mut muss man sprechen, wenn man über Assauer spricht", hat Stefan Willeke in einem Text für das ZEITmagazin mal über den Fußball-Menschen Assauer geschrieben, "über Unbeherrschtheit, Beharrlichkeit, Leidenschaft und Stolz." Mut. Unbeherrschtheit. Beharrlichkeit. Leidenschaft. Stolz.

Das Ruhrpottkind

Seinen Anfang nimmt das alles in Herten, einer Kleinstadt im Kreis Recklinghausen, wo Assauer aufwächst. Alles hier ist Kohle, Kohle ist hier alles: Zeitweise werden in den Zechen 36.000 Tonnen pro Tag gefördert, was das kleine Herten zur größten Bergbaustadt Europas macht. Assauers Vater ackert als Stellmacher, die Mutter ist Hausfrau, in guten Wochen kommt am Freitag Schellfisch mit Senfsoße auf den Tisch. Rudi hat einen älteren Bruder und eine zehn Minuten jüngere Zwillingsschwester, die wie er 1944 im saarländischen Sulzbach-Altenwald geboren wurde.

Eigentlich soll aus ihm mal was Besseres werden, tatsächlich pölt er jeden Tag im Volkspark Katzenbusch mit einem Gummiball auf selbst gezimmerte Tore, geht mit 14 von der Schule ab, lernt Stahlbauschlosser und marschiert zur Abendschule, bis er am Tag des Endspiels im Europapokal der Landesmeister 1961 auf die Idee kommt, seinen Lehrer zu fragen, wie eigentlich die Abschlussquote in der Penne aussieht. Von 40 Jungs kommen im Schnitt drei durch, antwortet der und "Assi" trifft eine Entscheidung fürs Leben.

Der Furchtlose

Am Abend sieht er im Fernsehen, wie José Aguas und Mário Coluna Benfica Lissabon gegen den FC Barcelona zum Titel schießen, geht nie wieder zum Unterricht und setzt alles auf die Karte Fußball. Über die Spielvereinigung Herten kommt er 1964 zu Borussia Dortmund – und als der BVB zwei Jahre später als erste deutsche Mannschaft den Europapokal der Pokalsieger gewinnt, steht Rudi Assauer in der Abwehr und malocht so hingebungsvoll gegen den von Bill Shankly trainierten FC Liverpool, dass die Tore von Siggi Held und Stan Libuda ausreichen, um den BVB zum Champion zu machen.

Als Shankly im Oktober 1981 der Sunday Times ein Interview gibt und davon berichtet, dass Fußball viel mehr sei als nur eine Sache von Leben und Tod, ist das für Rudi Assauer nichts Neues. Er ist dem Spiel von Anfang an mit Haut und Haaren verfallen, und als Jugendlicher sogar mal von einem Lkw über den Haufen gefahren worden, weil er seinen Ball von der Straße retten wollte. Wie durch ein Wunder hat er damals überlebt.

Wer solche Grenzerfahrungen gemacht und dazu noch 307 Bundesligaspiele für Dortmund und Werder Bremen gespielt hat, den kann eh nichts mehr schocken. Und weil es für Assauer sowieso nur Fußball gibt, wechselt er 1976 Trikot mit Sakko und Stutzen mit Stumpen und wird Manager in Bremen. Als erste und wichtigste Amtshandlung verpflichtet er einen gewissen Otto Rehhagel, mit dem Werder tatsächlich der Klassenerhalt gelingt.