Die DLRG kann Drama. Im vergangenen Herbst veröffentlichte die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft in ihrer Kampagne "Rettet die Bäder" einen Videoclip. Ein Junge läuft dreckverschmiert durch ein ausgetrocknetes Freibad, der Sprung eines Mannes von einem Turm in ein leeres Becken wird angedeutet. Das sieht fast aus wie ein Horrorfilm, dessen Botschaft eine gesamte Gesellschaft aufrütteln soll: Seht her! Sterben Bäder, sterben Menschen!

Auf der Uhr der DLRG ist es zwei nach zwölf, was die Schwimmfähigkeit der Deutschen betrifft. 2018, besagen die jüngsten DLRG-Zahlen, sind mehr Menschen ertrunken als im Jahr zuvor, mindestens 504 Menschen, zumeist männlich, starben in Deutschland beim Schwimmen oder Baden, fast immer an einer unbeaufsichtigten Badestelle, im Fluss, im See oder im Kanal. Das ist im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg um rund 20 Prozent, obwohl weniger Geflüchtete sterben, die als Risikogruppe gelten.

Jeder Tote ist einer zu viel, so muss und soll die DLRG das sehen, doch mit Statistiken ist das so eine Sache. 2018 war beileibe kein Höchstwert, Anfang der Neunziger starben viel mehr Leute in deutschen Wassern. Und ein Grund für die nun gestiegenen Zahlen ist offensichtlich: 2018 war einer der heißesten Sommer der Geschichte, von April bis Oktober wurde gebadet. Mehr Hitze, mehr Baden, mehr Tote.

Doch ungeachtet der Zahlen und den Zielen der DLRG, Bäder zu erhalten und den Schwimmunterricht zu verbessern, kann man nicht widersprechen. Die DLRG ahnt nämlich nicht zu Unrecht: "Vermutlich besteht ein Zusammenhang mit der zurückgehenden Schwimmfähigkeit und den anhaltenden Bäderschließungen."

Nichtschwimmerland Deutschland

Auch wenn fast die Hälfte der Toten im vergangenen Jahr über 55 Jahre alt war und eigentlich schwimmerfahren genug sein sollte und die Zahl der Toten unter 15 gleich blieb – die DLRG sorgt sich um die Zukunft. Die Warnung, Deutschland werde angesichts einer Nichtschwimmerquote von 60 Prozent bei den Zehnjährigen zum Nichtschwimmerland, ist angebracht.

Denn die DLRG hat auch andere Zahlen: Etwa 80 Bäder werden pro Jahr vor allem aus Kostengründen geschlossen, jeden vierten Tag also macht eins dicht, seit 2000 etwa jedes Zehnte. Weitere 700 Bäder sind sanierungsbedürftig. Auch das treibt die Menschen an Badestellen, die nicht beaufsichtigt werden.

Ein Verband liegt am Boden

Der Beckenmangel hat freilich auch Folgen für die Schwimmvereine. Mancher hat keine zehn Mitglieder mehr, die werden von den Trainern kilometerweit zum nächsten Becken gefahren, um auf einer verkürzten Bahn zu trainieren. Seit 2002 hat der deutsche Schwimmverband 80.000 Mitglieder verloren, das letzte Olympiagold der einstigen Schwimmnation um Stars wie Michael Groß und Franziska van Almsick liegt länger als zehn Jahre zurück. Der Verband ist zerstritten, der Bundestrainer trat kurz vor Weihnachten zurück.

Die fatalste Entwicklung ist jedoch, dass beim Schwimmen in der Schule gespart wird. Weil es teuer und aufwändig ist. Erst muss ein passendes Bad in der Nähe gefunden werden, dann die Kinder dorthin gebracht und wieder abgeholt werden. Ein Viertel der Grundschulen hat keinen Zugang mehr zu einem Bad, sagt die DLRG. Die übrigens auch Kritiker hat, etwa Uwe Legahn. Der Hamburger Schwimmlehrer sagt, die DLRG bekämpfe Innovationen im Unterricht und sei nicht schuldlos bei der Mängelverwaltung, den Verteilungskämpfen um Badezeiten.

Doch in einem Punkt behält die DLRG in jedem Fall recht: Um die Schwimm- und Badekultur in Deutschland sollte man sich sorgen. Deutschland leistet sich das Schwimmen nicht mehr. Ein Volkssport schrumpft.