Das herannahende deutsche Fiasko im Europapokal interessierte die wenigsten der 911 Zuschauer im Berliner Jahn-Sportpark. Sie haben sich dem Unterklassenfußball verschrieben, wo man noch engen Kontakt zu den ballspielenden Halbgöttern haben kann, sie vielleicht in der nahen Stampe beim Bier trifft, ihre Frauen gar beim Selbsteinkauf in einer Drogerie, wo die Protagonisten normale Leute sind.

So normal möchte zum Beispiel Daniel Frahn auch bald wieder sein, Eintauchen in der Masse des fußballerischen Durchschnitts. Nicht mehr dran denken müssen, wie ihm jemand von der Ersatzbank das Shirt mit der Aufschrift "Support your local Hools" gereicht hat, mit dem er dann auf dem Rasen sein Tor feierte. Er hätte wahrscheinlich auch die nordkoreanische Fahne genommen oder ein McDonald's-Werbebanner. 

Frahn durfte Mittwochabend nicht mitspielen, er ist aktuell vom Verband gesperrt und wartet auf seine Verhandlung. Strafe muss sein, das sagen die Regeln. Auch wenn das für manche Fans schwer zu verstehen ist.

Gegen 18 Uhr trudelten zwei Busse und ein paar Autobesatzungen mit Chemnitzer Fans vorm Stadion ein. Ein paar Ultras, ein paar Scheitelträger, diverse Kutten rieben sich nach mehrstündiger Busfahrt die Augen, tranken stumm ihr letztes Bier, um schweigend ins Stadion zu gelangen. Um auch im Stadion zu schweigen, nahmen sie eine Fahrstrecke von sechs Stunden hin und zurück auf sich.

Kein Kommentar, keine Regung

Die Berliner Polizei hatte im Vorfeld "das Zeigen von Bannern oder Trauerbekundungen zum Tode des Thomas Haller untersagt". Haller war die graue Eminenz in der gewaltaffinen Szene. HooNaRa bereitete den Boden dafür, dass sich Neonazis in Chemnitz breitmachen konnten.

Auf der Chemnitzer Fanseite lag der Schock nach den öffentlichen Reaktionen auf die Gedenkaktion für den Neonazi Haller über allem. Kein Trommler, kein Capo, niemand sah sich in der Lage, von 19 bis 20.45 Uhr die eigene Mannschaft anzufeuern. Das Banner der Chemnitzer Ultras lag auf einer Sitzreihe, man konnte es gerade noch erkennen. Auch diverse Fanclubs hängten ihre Lappen auf, um die gesamte Spielzeit über das Geschehen sprachlos zu verfolgen. Kein Kommentar, keine Regung.

Aufseiten der BFC-Fans kam es zu keiner sicht- oder hörbaren Solidaraktion. Es ist kein Geheimnis, dass die Hooligans des BFC und jene aus Chemnitz sich in früheren Jahren gern in den sächsischen Wäldern die Ohren zu Blumenkohl zerrieben und die Nasen platt hauten.

Die Polizei blieb im Stadion unsichtbar. Auch bei der Ankunft der Chemnitzer Fans hielt sich die Berliner Polizei zurück, wirkte deeskalierend und half auf eine wohltuende Weise, dieses Spiel störungsfrei über die Bühne zu bringen.

Bierdusche für den Insolvenzverwalter

Der Anhang des BFC Dynamo ist in die Jahre gekommen, trotz der Relevanz der Partie wagten sich keine tausend BFC-Fans in die kalte Berliner Nacht, um eine erstaunlich muntere BFC-Mannschaft zu erleben. Hin und wieder kam Stimmung im Stadion auf, die alten, weißen Männer mit wenigen Haaren und ein paar Frauen sangen alte Shantys wie: "Das war Spitze, das war elegant", als der BFC bis zur Halbzeit gegen den eigentlich souveränen Tabellenführer 2:0 in Führung ging.

Chemnitz schwieg weiterhin, auch als der 1:2-Anschlusstreffer fiel. Ein Fan meinte: "Warum sind die hier, da gucke ich mir doch lieber das Spiel im MDR-Livestream an." Kurz vor Spielende bekam Klaus Siemon, der Insolvenzverwalter des CFC, eine Bierdusche spendiert. Siemon erfreut sich offensichtlich nicht nur in Chemnitz geringer Beliebtheit.