Das Bild auf der Videoleinwand im Stadion des Chemnitzer FC zeigt einen grimmig dreinblickenden Mann. Glatze, dunkles Käppi, dunkle Weste und eine große Kette um den Hals. Es ist ein Foto von Thomas Haller, ein kürzlich gestorbener Fan des Fußball-Regionalligisten aus Sachsen. 

Die Fankurve der Himmelblauen trägt vor der Partie gegen die VSG Altglienicke Schwarz, die Ultras hissen ein Kreuz und zünden Bengalos, am Zaun flattert ein Banner in altdeutscher Schrift, der Stadionsprecher findet warme Worte für den Verstorbenen. Nur: Haller war kein harmloser CFC-Anhänger. Er galt als einer der führenden Vertreter der lokalen Neonazi- und Hooliganszene, war Mitbegründer der bis 2007 aktiven Organisation HooNaRa (Hooligans–Nazis–Rassisten) und soll laut MDR auch an den Ausschreitungen im Sommer beteiligt gewesen sein. Bis 2006 leitete er den Ordnungsdienst beim CFC, bis zuletzt ein Security-Unternehmen. Eine offizielle Ehrung für einen Neonazi – der Chemnitzer FC hat sich ins Abseits manövriert.

Jahrelange Versäumnisse

Es gibt zwei Deutungen der Ereignisse. Laut dem Insolvenzverwalter Klaus Siemon drohten rechte Fans mit "massiven Ausschreitungen", sollte Haller nicht in ihrem Sinne geehrt werden. Die Verantwortlichen der Spieltagsorganisation gaben nach Absprache mit der szenekundigen Polizei den Forderungen nach. Für Fanforscher Robert Claus besitzt diese Form der Erpressbarkeit eines Fußballclubs eine neue Dimension. "Etwas Vergleichbares", sagt er, "fällt mir kaum ein." Der Experte leitet daraus ab, wo das politische Gewalt- und Machtmonopol in der Welt des Chemnitzer FC und seiner Fanszene liegt: bei den Neonazis.

Der Club wusste sich angesichts des vermeintlichen Bedrohungsszenarios nicht anders zu helfen, so stellt er es selbst dar. "Ob das stimmt oder eher einer Schutzbehauptung nahekommt, muss im Moment noch offenbleiben", kommentierte die Freie Presse aus Chemnitz. Im Umkehrschluss würde das bedeuten, einzelne Mitarbeiter hätten die Ehrung Hallers wohlwollend in die Wege geleitet. Das widerspräche der bisherigen Darstellung und wäre ein noch größerer Skandal.

Daran knüpft die zweite Deutung der Ereignisse an. Sie besagt, dass der Club die Vorkommnisse am Samstag selbst zu verantworten hat, weil es jahrelang versäumt wurde, den rechtsextremen Anhängern klare Grenzen aufzuzeigen. Zwar haben die Ultragruppen NS-Boys und Kaotic Chemnitz seit 2006 beziehungsweise 2012 ein Auftrittsverbot im Stadion, doch in der Kurve sind die Neonazis als Einzelpersonen oft bis heute präsent – und einflussreich.

"Wirkungslose Symbolpolitik"

Verbote sind das eine. Der Fanforscher Claus bemängelt zudem, dass eine langfristige, präventive Fanarbeit gegen extrem rechte Einstellungen fehlt. "Stattdessen ist der CFC von einer hilflosen, plakativen Maßnahme zur nächsten geeilt und hat andauernd versucht, Brandherde zu löschen", sagte er. Die missglückte Trauerfeier ist in seinen Augen letztlich ein fatales Ergebnis dieser "wirkungslosen Symbolpolitik". 

Genauso verfehlt kommt auch das Krisenmanagement des CFC daher. Noch am Tag nach dem Altglienicke-Spiel verbreitete der Club fragwürdige Botschaften. In einer Mitteilung hieß es, bei der Ehrung Hallers habe es sich weder um eine "offizielle Trauerbekundung" noch um eine "Würdigung des Lebensinhalts des Verstorbenen" gehandelt. Jeder, der im Stadion saß, konnte sich vom Gegenteil überzeugen.