Dieser Fußballabend war so kontrastreich wie die folgenden beiden Szenen: In der Mitte der zweiten Halbzeit drehte sich der soeben eingewechselte İlkay Gündoğan zu seinen Mitspielern um. "Keiner hier?", schienen seine verwunderten Blicke zu fragen. "Wo seid ihr?" Der Mittelfeldspieler war beim Versuch der Balleroberung an der Mittellinie zum wiederholten Mal der vorderste Mann seines Teams, als wäre er Stürmer. Die beiden, die eigentlich dafür vorgesehen waren, lauerten weit hinter ihm. Die deutsche Elf verlor in dieser Phase ihre Kontur.

Zweite Szene, nicht viel später: Wieder drehte sich Gündoğan, diesmal mit dem Ball, weit in des Gegners Hälfte um die eigene Achse. Dann setzte er ein starkes Zuspiel auf den stark einlaufenden Marco Reus, der Nico Schulz in der Mitte die Vorlage servierte. Das Siegtor für Deutschland in letzter Minute.

Ein junges Team, das verblüfft

Vor dem Spiel in Holland war die deutsche Elf von manchen als Außenseiterin bezeichnet worden. Dann ging sie nach bisweilen spektakulären Szenen und Toren 2:0 in Führung, die sie nach der Pause innerhalb von rund 15 Minuten wieder verspielte. Und in einer offensiv bizarr schwachen zweiten deutschen Halbzeit schien die Frage nur noch: Kann Deutschland das Unentschieden retten oder gelingt Holland das Siegtor?

Doch wieder Pustekuchen! In der 90. Minute machte die deutsche Elf im ersten zu Ende geführten Angriff der zweiten Halbzeit ein wunderbares Tor.

Beim 3:2-Sieg in Holland zum Start in die Qualifikation für die EM 2020 schwankte das Niveau enorm, und die Nationalmannschaft tat stets das Gegenteil von dem, was viele erwarteten. Jogis Jungs waren – frei nach Forrest Gump – wie eine Schachtel Pralinen: Man weiß nie, was bei ihr drin ist. Und diesmal, man kannte das Gefühl kaum noch, war ein Sieg gegen einen namhaften Gegner drin, der erste seit zwei Jahren. Damals schoss Lukas Podolski in seinem letzten Spiel das Tor des Tages gegen England.


Deutsche Nationalmannschaft - Junges Team, starke Leistung Joachim Löw hat sich nach dem Sieg gegen die Niederlande zufrieden mit seinem Team gezeigt. »Wir haben die PS auf die Straße gebracht«, sagte der Bundestrainer. © Foto: Christian Charisius/dpa

Einige Holländer spielen noch zweitklassig

Nach den Enttäuschungen des Jahres 2018 wurde der deutsche Fußball ein bisschen zu klein- und seine Krise ein wenig zu groß geredet. Deswegen, aber auch durch den 3:0-Sieg im Oktober galt Holland als Favorit. Doch diese Prognosen übersahen, dass Deutschland nach wie vor über viele gute Fußballer verfügt. Einige Holländer hingegen spielen (noch) in der zweitklassigen heimischen Liga, Ryan Babel, der 32-jährige Stürmer, zwischenzeitlich in der heruntergewirtschafteten türkischen. Die Holländer mögen besser eingespielt sein, doch ihr Marktwert ist gerade mal etwas mehr als halb so hoch wie der der Deutschen. Die Jogi-Elf schied in Russland aus, doch Holland war gar nicht erst qualifiziert.

Allerdings folgte Joachim Löw in Amsterdam den vermeintlich neuen Machtverhältnissen. Er war vorsichtig, bot drei statt zwei Innenverteidiger auf. Löw setzte auf Konter, in beinahe fester Gewissheit, dass die meisten gegnerischen Abwehrspieler dem deutschen Tempo nicht gewachsen sein würden. Das Verteidigen ist traditionell eh nicht das Ding der Holländer. Löws Plan ging zunächst auf. Die Deutschen kamen auf recht simple Art in die Gefahrenzone und schossen Tore, obwohl sie nur mit wenigen Spielern angriffen.

Das erste erzielte Leroy Sané, der Fummler, der seinen Platz in der Nationalmannschaft lange nicht gefunden hatte, mit einem gekonnten Dropkick. Noch schöner traf Serge Gnabry. Er zog vom linken Flügel nach innen, kochte Hollands Hünen Virgil van Dijk ab und jagte den Ball hoch ins rechte Eck. Der Robben-Klassiker, nur andersrum.

Diese zwei jungen Stürmer bereiteten vielen Freude, nicht zuletzt den deutschen Fans. Die durften ja lange nicht mehr singen, den Onkelz-Klassiker Mexiko aber haben sie noch drauf, gaben ihn in Amsterdam zum Besten. Und ihre Elf führte, angeleitet von Toni Kroos, verdient, auch wenn Manuel Neuer zweimal den Ausgleich verhinderte. Die Berichte zum Comeback des gefallenen Weltmeisters und seines einstigen Übertormanns waren gedanklich schon geschrieben, als der Schiedsrichter zur Pause pfiff.