Einer ist tablettenförmig, der andere dreieckig, mit abgerundeten Ecken: Die Bälle von Johannes Anderl nennen sich Corpus I und Corpus II und werden von etlichen Vereinen zum Training benutzt.

ZEIT ONLINE: Herr Anderl, ich nehme an, Sie kennen Sepp Herberger?

Johannes Anderl: Ja, klar.

ZEIT ONLINE: Und einen seiner berühmtesten Sätze auch.

Anderl: Das Runde muss ins Eckige.

ZEIT ONLINE: Genau, oder: Der Ball ist rund. Das stimmt bei Ihnen ja nun nicht mehr. Ihre Bälle sind eckig. Warum nur?

Anderl: Unsere Bälle werden vor allem im Training verwendet. Man kann damit zwar auch richtige Spiele spielen, aber der eigentliche Sinn der Bälle ist es, das Training und letztendlich auch die Spieler zu verbessern. Ihre Gedankenschnelligkeit, ihre Technik. Dafür aber müssen sie neuen Reizen ausgesetzt sein. Die bieten unsere eckigen Bälle. Wenn ein Ball zum Beispiel plötzlich nach links springt, muss der Spieler halt mit dem schwachen Fuß weiterspielen.

ZEIT ONLINE: Sie setzen auf den Überraschungseffekt.

Anderl: Genau. Wir haben zwei verschiedenen Formen im Angebot, die wir auch im Set anbieten. Sie sollen zwar auch die Reaktionsfähigkeiten und die Koordination schulen. Das Spannendste aber ist der Faktor Konzentration, da ist sich die Profifußballwelt schon seit Langem einig. Hier liegt noch das größte Verbesserungspotenzial. Das Spiel ist ja viel schneller geworden, die Ballberührungszeiten der Spieler sind zurückgegangen, durch das extreme Pressing, das nun häufig gespielt wird. Da braucht es Spieler, die mit diesen Drucksituationen umgehen können. Ein Spieler mit dem Ball am Fuß muss ja unglaublich viel wahrnehmen: Wo sind meine Gegner, wo sind meine Mitspieler, wo ist das Tor? Die Spieler müssen handlungsschnell sein.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das eigentlich, dieses handlungsschnell?

Anderl: Das ist wissenschaftlich noch nicht zu hundert Prozent geklärt. Man kann es auch, wie Jogi Löw es schon 2012 tat, Gedankenschnelligkeit nennen, in der aufkommenden Neuroathletik ist von kognitiver Schnelligkeit die Rede. Im Kern geht es um die Prozesse, die sich beim Fußballer abspielen, bevor die eigentliche Bewegungsausführung stattfindet. Dazu gehört zuerst die Wahrnehmung, die Informationsverarbeitung und die Entscheidungsfindung. Es geht darum, diese Prozesse durch Training zu beschleunigen. Spielnah Entscheidungen zu treffen. Je öfter man etwas macht, desto besser wird man. Und mit unserem Produkt muss ein Spieler die Situation viel öfter neu wahrnehmen, neu analysieren und eine Entscheidung treffen. Öfter als er es mit einem runden Ball müsste, weil mit unserem Ball der Ballbesitz öfter wechselt.

ZEIT ONLINE: Aber so richtig spielnah ist ein eckiger Ball nicht, oder?

Anderl: Haben Sie schon mal damit trainiert?

ZEIT ONLINE: Nein.

Anderl: Der Sinn unseres Produktes ist es, jedes Spiel und jede Übungsform, die man mit einem normalen Ball durchführen könnte, auch mit unserem machen zu können. Wenn es zu schwer wäre, hätten wir sie anders designt. Wir haben sie aber so hergestellt, dass wir genau die richtige Menge an schwererer Vorhersehbarkeit haben, mit den Bällen aber trotzdem fußballspezifisch trainiert werden kann.

ZEIT ONLINE: Ein Doppelpass geht also.

Anderl: Selbstverständlich. Ich habe Profimannschaften gesehen, die haben damit rumgepasst, als wäre es ein runder Ball. Wenn man den Ball korrekt trifft, geht er auch in die richtige Richtung. Er ist so fußballspezifisch wie möglich realisiert: So groß wie ein Fußball, so schwer wie ein Fußball, verarbeitet wie ein Fußball, gleiches Material wie ein Fußball, fühlt sich an wie ein Fußball.

ZEIT ONLINE: Wer benutzt die Bälle bisher?

Anderl: Mannschaften aus den ersten Ligen aus Russland, der Schweiz, Österreich, Deutschland, auch ein paar Nationalverbände. Bei einigen wird er nur im Nachwuchs verwendet, bei anderen nur von der 1. Mannschaft. Bei der nächsten trainieren vor allem die Torhüter damit, bei anderen alle. Das kommt immer auf den Verein und den Trainer an.