Es schien wieder mal unmöglich, doch Leroy Sané schlüpfte erneut durch seine Gegner. Wieder entkam der spektakulärste deutsche Fußballer der Gegenwart gleich mehreren Serben. Er nervte sie, den Ball stets am Fuß, bis sie ihn hielten und nach ihm traten.

Sané schoss kein Tor, obwohl er mehrere Chancen dazu hatte. Manchmal rannte er ohne Aussicht auf Erfolg in drei Gegenspieler. Die Laufwege waren oft nicht abgestimmt mit den Ideen seiner Mitspieler. Doch mit seinen Dribblings drehte er in der zweiten Halbzeit auf, dass manch Fan später auf dem Heimweg schwärmte: "Wie schön, Sané mal live gesehen zu haben."

Das Spiel gegen Serbien war das erste der neuen Jogi-Zeitrechnung. Löw hatte erfahrene Spieler rausgeworfen und nahm junge rein. Nun erhielt er, was er erhalten musste: Jugendfußball. Die deutsche Elf spielte fehlerhaft, wüst und durcheinander, einfach unroutiniert. Aber auch stürmisch, talentiert und voller Lust am Offensivfußball. Das – vor allem in der zweiten Halbzeit – lebendige Testspiel endete 1:1, ein 3:2 oder 4:3 wäre eher angemessen gewesen.

Ungenutzte Chancen

Schon in der ersten Halbzeit näherte sich die deutsche Elf oft dem serbischen Strafraum, machte aus ihrer Überlegenheit aber nicht viel. Timo Werner vergab zwei sehr gute Chancen, ein Mal verkümmerte sein Versuch, das andere Mal schoss er Marko Dmitrović an. Als Kai Havertz den Ball aufs Tor schob, war das auch kein Problem für den serbischen Tormann.

Die deutsche Abwehr, ohne Mats Hummels und Jérôme Boateng, zeigte sich hin und wieder nicht resistent bei Kontern. Und bei einem Eckball. Ein Bübchenkopfball von Joshua Kimmich flog auf Umwegen zu Luka Jović, dem Eintracht-Stürmer, der vielleicht bald zu Barcelona wechseln wird. Den hatten sie allein gelassen. Kann man mal machen, dann darf man sich aber nicht wundern, wenn es 0:1 steht. Gerade mal zwölf Minuten waren da gespielt.

Es herrschte nicht das Chaos, jedoch offenbarte die neu zusammengebaute Hintermannschaft den einen oder anderen hühnerhaufenartigen Anfall. Vor allem in einer Szene noch vor der Pause hätte das 0:2 fallen können. Jonathan Tah tapste seinem Gegenspieler hinterher, fehlte dann dort, wo er gebraucht wurde, und Niklas Süle checkte es zu spät. So war das Zentrum frei für Adem Ljajić. Der zielte, völlig allein vor Manuel Neuer, allerdings drüber.

Ausgleich dank alter Hasen

In der zweiten Halbzeit war Deutschland noch überlegener. Die Abwehr musste nur noch das Nötigste tun, auch weil Marco Reus für Havertz und später Leon Goretzka für Julian Brandt kamen. Mit ihnen erlangte die Elf noch mehr Zielstrebigkeit und Tornähe. Aus ihrer Kooperation entstand der Ausgleich: Reus legte den Ball auf Goretzka, der war cool genug, Saša Lukić ins Nichts laufen zu lassen. Der Ausgleich war überfällig. Und auch der Siegtreffer wäre, bei Schüssen von Reus und Sané, noch drin gewesen.

Der Bayernspieler Goretzka brachte etwas Reife ins Spiel, womit er İlkay Gündoğan gut ergänzte. An den zwei besten Kombinationen des Spiels war Gündoğan beteiligt. Einmal spielten Reus, Goretzka und er mit direkten Pässen fünf Serben her. Das andere Mal bekam Gündoğan nach einem Trick von Sané den Ball aus wenigen Metern nicht über die Linie. 

In der Nationalelf spielte Gündoğan bislang keine große Rolle. Das könnte sich nun ändern, weil er seine Funktion als Kurzpasszulieferer in den Strafraum gefunden zu haben scheint. Ihm merkt man an, dass er mit Pep Guardiola in Manchester einen hervorragenden Vereinstrainer hat. Nach Manuel Neuers Auswechslung war Gündoğan, der im vergangenen Sommer auch auf dem Erdoğan-Foto zu sehen war, Kapitän der deutschen Nationalmannschaft.