Und Löw schenkte allen Medienkritikern einen neuen Begriff: den "Interpretations-Journalismus". So reagierte er, als er auf Müllers Selfievideo angesprochen wurde, in dem dieser sich Luft gemacht hatte. Mit diesem Wort, so ist es zu interpretieren, wollte Löw sagen, dass da falsch interpretiert wurde. Worüber sich Müller vor allem geärgert habe, gab Löw nämlich zu verstehen, sei Grindels anschließender Tweet gewesen. "Hat Thomas Müller den Inhalt des Gesprächs gemeint", fragte Löw süffisant, "oder dass relativ schnell die Pressemitteilung gekommen ist?" Das war eine rhetorische Frage, was man alleine an dem Nachsatz erkannte: "Ich weiß es." Das darf man wohl eine Signalstörung zwischen Trainer und Präsident nennen.

Die Kritik an Grindel schien Löw regelrecht Freude zu bereiten. Wenn man ihn richtig verstand, gab er den Journalistinnen und Journalisten einen Interpretationsauftrag mit, nämlich den, dass er den DFB-Präsidenten für ein potentielles Infomartionsleck hält (ab Minute 29:45 bis 33:30).

Zweimal Eggenstein

Löws Auftritt in der Otto-Fleck-Schneise war aber nicht durchgehend ein Meisterwerk der Kommunikation. Als er betonte, dass ihm das alles schwer gefallen sei, glaubte man ihm aufs Wort. Das Erklären von unangenehmen Dingen, ob Spielern oder der Presse, ist nicht seine Paraderolle. Nervosität war ihm anzumerken, etwa in Formulierungen wie: "Wir haben uns entschieden, Entscheidungen zu treffen." Den neu in den Kader gerückten Maximilian Eggestein nannte er zweimal Eggenstein. Einmal wirkte es beinahe, als fiele ihm der Vorname eines Spielers nicht ein.

Was Löw nicht sagte, aber auf jeden Fall meinte: Bald geht zum Glück wieder Fußball los, das ist wohl schon eher Löws Disziplin. Müller, Boateng und Hummels sind nicht mehr dabei, dafür die drei Neuen Niklas Stark aus Berlin, Lukas Klostermann aus Leipzig und der Bremer Maximilian Eggestein. Vielleicht, das bestätigte der Trainer, wird Marc-André ter Stegen bald Manuel Neuer im Tor ablösen. Nächste Woche stehen in Wolfsburg ein Testspiel gegen Serbien und der Quali-Auftakt in Holland an.

Löw sagte, er freue sich auf die neue Aufgabe und die neue Mannschaft. Jetzt muss er ihn nur noch kriegen, den Anschlusszug zur EM 2020.