Dieser Text ist ein Buchauszug aus "Armstrong – Nichts als die Wahrheit" von Jürgen Kalwa. In dem Buch versucht Kalwa, Armstrongs Mythologisierung zu ergründen, die Rolle der Mittäter und Mitwisser zu beschreiben und hat dafür viele exklusive Interviews geführt. Armstrongs Betrug ist einer der größten Sportskandale der Geschichte, der offiziell erst im Sommer 2018 mit einer millionenschweren Schadensersatzzahlung von Armstrong an seinen früheren Sponsor, die amerikanische Post, zu Ende ging. Kalwa ist Autor, Videojournalist und Hörbuch-Producer, lebt seit Jahren in New York und berichtet über die USA, Sport und Kultur. Der hier veröffentlichte Text ist der Beginn des Kapitels "Einzeltäter? Eine Theorie, die in die Irre führt". Das Werk ist als Hörbuch und in gedruckter Fassung erschienen.

Es kommt nur selten vor, dass man sich über eine derart lange Zeit und so ausgiebig mit den Entwicklungen und Verästelungen einer einzelnen Sportlerbiographie beschäftigt. Aber dies ist es: das Arbeitsergebnis der Spurensuche einer scheinbar unendlichen Geschichte. Eine Nacherzählung und ein Nachsinnen, an dem der Blickwinkel vermutlich das Besondere ist. Und das aus einer Reihe von eher harmlosen Gründen.

Das beginnt schon damit: Die meisten Menschen können gar nicht so ausgedehnt und intensiv einem solchen Thema nachgehen, wie das in meinem Fall geschehen war. Dabei hatte es dieser Stoff von Anfang an verdient.

Meine Ausgangslage kurz umrissen: Ich arbeite vom Standort New York aus für eine Reihe von Medien, und zwar in Deutschland und in der Schweiz. Darunter für den Deutschlandfunk.

Der Journalist Jürgen Kalwa hat ein Buch über den Skandal um Lance Armstrong geschrieben. © Privat

MEHRERE RADIOSPRECHER: "Jürgen Kalwa hat die Eskimo Olympics in Fairbanks besucht ... Jürgen Kalwa hat Juliet Macur vor ein paar Tagen in Washington getroffen ... im heutigen Nachspiel berichtetet Jürgen Kalwa über ... ein Nachruf von Jürgen Kalwa ... ein Nachspiel von Jürgen Kalwa."

Es gehört übrigens nicht viel Selbstkritik dazu, zu erkennen, dass es Medien waren, dass wir alle aufgrund der Radsportbegeisterung in diesen beiden Ländern ab 1999 flächendeckend einen erheblichen Beitrag leisteten, die Begeisterung für Lance Armstrong zu schüren.

Dass wir in unserer Rolle oft genug auf fragwürdige Weise agieren, ist uns selten bewusst. Dabei drehen wir immer mit an der Orgel. Manchmal mehr, manchmal weniger. Hier drei völlig beliebige Zitate aus jenen Jahren.

Beispiel 1: "Was als Wunder anmutet, sind die Erfolge eines mutigen Mannes und der modernen Medizin", so stand es gleich am Anfang eines Artikels in der Zeitung Die Welt vom 17. Juli 1999. Geschrieben von Prof. Dr. Lothar Weißbach, einem Urologen, damals Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft. Er wusste ganz offensichtlich rein gar nichts über den konkreten Fall. Aber das hielt ihn keineswegs von einer forschen Wortmeldung ab.

Beispiel 2: Im Bonner General-Anzeiger konnte man 2003 diesen Satz lesen: "Wunder gibt es schließlich auch im Radsport immer seltener. Und das letzte Wunder, der erste Tour-Sieg des Krebspatienten Armstrong, liegt gerade einmal vier Jahre zurück."

Beispiel 3: 2005, ein Berliner Boulevardblatt pflastert nach: "B.Z. erklärt das Wunder Armstrong." Wie erklärt man Wunder? Mit allem möglichen an Nonsens: "Der Perfektionist kennt jede Kurve einer Etappe, jeden Baum, den detaillierten Wetterbericht. Täglich spricht er mehrere Male mit dem Discovery-Sportdirektor Johan Bruyneel: ‚Manchmal diskutieren wir bis spät in die Nacht.‘ Das Vertrauen in die eigene Stärke schöpft der Tourminator aus seinem Kampf gegen den Krebs. ‚Ich habe die Krankheit besiegt und bin stärker geworden, körperlich und mental.‘"

Das entscheidende Wort – Doping – taucht nur einmal auf, und zwar ganz am Ende und wird auch noch eingerahmt von frei erfundenen Behauptungen: "Einem Journalisten, der 1999 Doping-Gerüchte über ihn verbreitete, schickte Armstrong elf Anwälte auf den Hals. Das Buch wurde eingestampft..."