Leroy Sané spaltet nicht nur Abwehrketten, sondern auch die Fans. Manche lieben ihn, andere stöhnen, wenn er bei seinen vielen Alleingängen die Gegner nicht nur umspielt, sondern mal hängenbleibt. Oder wenn er seine Coolness auf dem Platz zur Schau stellt, selbst nach einem Ballverlust.

Sané spaltet seine Trainer. Pep Guardiola, der ihn bei Manchester City anleitet, schwärmt von ihm, muss aber immer wieder streng mit ihm sein. Der Bundestrainer Joachim Löw setzt auf seinen Stürmer, wohl auch heute beim ersten EM-Quali-Spiel in Holland. Zur WM in Russland ließ er ihn jedoch zur Verblüffung der Fach- und Laienwelt zu Hause, obwohl er einen Mangel an solch intuitiven Eins-gegen-Eins-Spielern in Deutschland beklagt.

Sané spaltet manchmal Mitspieler. So nannte ihn Toni Kroos nach dem verlorenen Testspiel im vorigen März gegen Brasilien nicht namentlich, als er sagte: "Viele haben ihre Chance nicht genutzt." Doch dass er nicht zuletzt dabei an Sané dachte, war nicht schwer zu erraten. Zumal Kroos später verlauten ließ, Sané sei einer, der "gesagt bekommen muss, dass er es tun soll", also gut zu spielen. Vielleicht war Sané auch deswegen nicht in Russland dabei, weil er bei manch altem Weltmeister einen schweren Stand hatte, und Löw sich an diese Hackordnung hielt.

Gute Individualisten sind unabdingbar für Erfolg

Zurzeit steht Sané, 23, im Mittelpunkt wie nie zuvor. Er erschien im Designer-Eisbärfell zum Länderspiel, für den manch Fan Jahre lang sparen müsste, wurde während des Testspiels am Mittwoch gegen Serbien (1:1) rassistisch angefeindet, bevor ihn sein Gegenspieler Milan Pavkov zusammentrat. Vor allem aber verkörpert das im Sommer noch aussortierte Ausnahmetalent wie kein anderer die Hoffnungen der verjüngten Nationalelf auf neue große Ziele. Obwohl das, was Sané gut kann, in Deutschland beargwöhnt wird, wenn nicht sogar verpönt ist.

Sané ist ein Dribbler. Ein Fummler, ein Futschelkönig, wie solche Sololäufer auf Deutschlands Sportplätzen leicht abschätzig genannt werden. "Gib den Ball ab!", bekommen sie zu hören, wenn sie scheitern, was naturgemäß immer wieder vorkommt. Das Passspiel gilt als pädagogisch wertvoller.

Dabei ist nicht erst seit dem WM-Aus gesicherte Erkenntnis, dass gute Individualisten unabdingbar für den Erfolg sind. Gerade wenn sie so gut sind wie Sané, der Sohn des senegalesisch-französischen Ex-Bundesliga-Stürmers Souleyman Sané und der Gymnastin Regina Weber, die in Los Angeles 1984 eine olympische Medaille für Deutschland gewann. Eine sehr gute Mischung.

Bekommt Sané den Ball, beginnt sein Fuß, mit ihm zu tanzen. Er streichelt ihn mit der Spitze, dann wechselt er ihn im Nu von der Innen- zur Außen- und zurück zur Innenseite. Sané führt den Ball auch mal hinter das Standbein, touchiert ihn mit der Hacke. Während seiner Slalomläufe macht er winzige Sprünge und legt felixneureutherhafte Oberkörper-Moves hin. Mal verschleppt er das Tempo, dann beschleunigt er mit Nähmaschinentrippelschrittchen, als wären seine Beine von vielen kleinen Motoren angetrieben.

Er schlägt Haken und Häkchen, erwischt seine Gegner auf dem falschen Bein, tunnelt sie, trickst bis zu fünf von ihnen aus. Kommt der Pass in die Gasse in den Lauf des schnellen Sané, ist er unaufhaltbar. "Sané ist der beste Spieler der Welt, wenn es um Läufe in die Tiefe geht", sagt sein Coach Guardiola.

Deutschland hatte immer gute Tormänner und Verteidiger, auch Mittelstürmer kennt die deutsche Fußballgeschichte einige. Doch Dribbler sind selten. Der bislang letzte ähnlicher Güte war Mehmet Scholl, der technisch sogar variabler war als Sané, aber nicht so schnell. Früher kurvte Karl-Heinz Rummenigge um die Verteidiger, allerdings weniger feinmotorisch, dafür torgefährlicher. Am nächsten kommt Sané historisch gesehen dem o-beinigen Kultspieler Pierre Littbarski, dem Weltmeister von 1990.

In der Gegenwart muss man den internationalen Vergleich bemühen, um Sanés potenzielle Weltklasse zu beschreiben. Er zählt womöglich schon zur Top Ten der Dribbler im 21. Jahrhundert, die, in willkürlicher Reihenfolge, vielleicht so heißen könnten:

  • Eden Hazard
  • Lionel Messi
  • Ronaldinho
  • Isco
  • Andrés Iniesta
  • Neymar
  • Franck Ribéry
  • Kylian Mbappé
  • Ronaldo
  • Leroy Sané

Sein rechter Fuß ist seine Schwäche

Jedoch darf man sich nicht von den Highlights auf YouTube oder Dazn täuschen lassen, auch nicht von einem wundervollen Freistoßtor wie im Champions-League-Spiel in Schalke. Wer Sané mehrfach über neunzig Minuten betrachtet, sieht, dass seine Erfolgsquote beim Dribbeln nicht immer hoch ist.

Und man sieht seine Schwächen, seinen rechten Fuß etwa. Ribéry zum Beispiel war zu seinen besten Zeiten beidseitig hervorragend. Geht jedoch Sané rechts am Gegenspieler vorbei, kommt er vom Kurs ab. Sané braucht zudem Tempo, was im Spiel nicht immer gegeben ist. Messi hingegen ist selbst aus dem Stand enorm schwer zu verteidigen.

Gegen Serbien war gut zu sehen, dass Sané seine Dribblings nicht immer strategisch einsetzt. Etwa, als er sie in der eigenen Spielhälfte startete, was kaum zum Tor führen kann, und unnötiges Risiko birgt. Das größte Manko des Stürmers: Er wird wohl nie ein Torjäger, schon in jugendlichen Jahren litt er an einer Neigung zum Chancentod. Gegen Serbien vergab er ein paar Chancen, darunter war ein harmloses Kopfbällchen des immerhin 1,83-Meter-Mannes.

Sané kann seine volle Stärke also nur in bestimmten Räumen ausspielen. Guardiola etwa setzt Sané nie im Zentrum ein, sondern ausschließlich auf dem Flügel. Dort hängt man mehr von Mitspielern und deren Gutdünken ab.

Und damit sind wir wieder bei seinem Standing. Es ist einer der Gründe, warum Sané in der Nationalelf lange nicht gleichermaßen zur Geltung kam wie in der Premier League, wo er in der Vorsaison zum besten Rookie gewählt wurde: In der Löw-Elf wurde er von seinen Mitspielern nicht so gut in Szene gesetzt. Vielleicht, weil dort der Feinschliff fehlt, vielleicht aus Achtlosigkeit. Man muss sich nur ein paar Pässe aus dem Brasilien-Spiel im Vorjahr anschauen, das wohl dazu führte, dass Löw ihn später aus dem Kader strich.

Ein Beispiel ab Minute 2:07, eine scheinbar unbedeutende Szene im Mittelfeld (siehe Video oben): Kroos spielte Sané den Ball auf den rechten schwachen Fuß und so locker, dass das Tempo raus war. Ein Pass ist immer auch ein kommunikativer Akt, und dieser Pass sagte: "Hier ist der Ball, sieh zu, wie du zurechtkommst!" Wollte man Sané willentlich aus dem Spiel nehmen, wäre dies genau die Art. Das Zuspiel war so lieblos, als würde man Sanés Nachnamen in der Aussprache zu Sahne eindeutschen, was Löw manchmal tut.

Sané kann durchs Nadelöhr schlüpfen

Sané kickte übrigens den Ball ähnlich aussagekräftig zu Kroos zurück, nämlich nicht in den Fuß, sondern einen Meter daneben, sodass Kroos bremsen und zurücklaufen musste. Das schätzte er gar nicht. Da waren offensichtlich nicht die besten Freunde am Werk.

Auf das Zusammenspiel des Mittelfeldregisseurs und Champions-League-Siegers von Real Madrid und des Flügelstürmers sowie englischen Meisters von Manchester City wird es jedoch ankommen in der deutschen Elf. Stößt sie auf Teams, die gut und mit vielen Spielern verteidigen, braucht sie Dribbler, die das Nadelöhr finden und durchschlüpfen. Nach ihrem langsamen Auftritt bei der WM in Russland, wo sie in zwei von drei Spielen kein Tor schoss, ist das umso klarer. 

Auch deswegen ist Sané inzwischen in der Nationalelf nun akzeptiert, selbst Kroos äußerte sich versöhnlich. Zudem ist die Zahl derjenigen gesunken, die sich daran stören, wenn einer im teuren Fummel aufkreuzt. Oder an neuen Löckchen, Tattoos und anderen Extravaganzen, auch solchen auf dem Trainingsplatz.

Dennoch bleibt es eine gewichtige Aufgabe für die Mannschaft, natürlich auch für den Trainer, Leroy Sané so gut wie möglich einzubinden. Man muss ihm das Accent auf dem é lassen. Dann kann er Großes für die deutsche Nationalmannschaft leisten.