Jedoch darf man sich nicht von den Highlights auf YouTube oder Dazn täuschen lassen, auch nicht von einem wundervollen Freistoßtor wie im Champions-League-Spiel in Schalke. Wer Sané mehrfach über neunzig Minuten betrachtet, sieht, dass seine Erfolgsquote beim Dribbeln nicht immer hoch ist.

Und man sieht seine Schwächen, seinen rechten Fuß etwa. Ribéry zum Beispiel war zu seinen besten Zeiten beidseitig hervorragend. Geht jedoch Sané rechts am Gegenspieler vorbei, kommt er vom Kurs ab. Sané braucht zudem Tempo, was im Spiel nicht immer gegeben ist. Messi hingegen ist selbst aus dem Stand enorm schwer zu verteidigen.

Gegen Serbien war gut zu sehen, dass Sané seine Dribblings nicht immer strategisch einsetzt. Etwa, als er sie in der eigenen Spielhälfte startete, was kaum zum Tor führen kann, und unnötiges Risiko birgt. Das größte Manko des Stürmers: Er wird wohl nie ein Torjäger, schon in jugendlichen Jahren litt er an einer Neigung zum Chancentod. Gegen Serbien vergab er ein paar Chancen, darunter war ein harmloses Kopfbällchen des immerhin 1,83-Meter-Mannes.

Sané kann seine volle Stärke also nur in bestimmten Räumen ausspielen. Guardiola etwa setzt Sané nie im Zentrum ein, sondern ausschließlich auf dem Flügel. Dort hängt man mehr von Mitspielern und deren Gutdünken ab.

Und damit sind wir wieder bei seinem Standing. Es ist einer der Gründe, warum Sané in der Nationalelf lange nicht gleichermaßen zur Geltung kam wie in der Premier League, wo er in der Vorsaison zum besten Rookie gewählt wurde: In der Löw-Elf wurde er von seinen Mitspielern nicht so gut in Szene gesetzt. Vielleicht, weil dort der Feinschliff fehlt, vielleicht aus Achtlosigkeit. Man muss sich nur ein paar Pässe aus dem Brasilien-Spiel im Vorjahr anschauen, das wohl dazu führte, dass Löw ihn später aus dem Kader strich.

Ein Beispiel ab Minute 2:07, eine scheinbar unbedeutende Szene im Mittelfeld (siehe Video oben): Kroos spielte Sané den Ball auf den rechten schwachen Fuß und so locker, dass das Tempo raus war. Ein Pass ist immer auch ein kommunikativer Akt, und dieser Pass sagte: "Hier ist der Ball, sieh zu, wie du zurechtkommst!" Wollte man Sané willentlich aus dem Spiel nehmen, wäre dies genau die Art. Das Zuspiel war so lieblos, als würde man Sanés Nachnamen in der Aussprache zu Sahne eindeutschen, was Löw manchmal tut.

Sané kann durchs Nadelöhr schlüpfen

Sané kickte übrigens den Ball ähnlich aussagekräftig zu Kroos zurück, nämlich nicht in den Fuß, sondern einen Meter daneben, sodass Kroos bremsen und zurücklaufen musste. Das schätzte er gar nicht. Da waren offensichtlich nicht die besten Freunde am Werk.

Auf das Zusammenspiel des Mittelfeldregisseurs und Champions-League-Siegers von Real Madrid und des Flügelstürmers sowie englischen Meisters von Manchester City wird es jedoch ankommen in der deutschen Elf. Stößt sie auf Teams, die gut und mit vielen Spielern verteidigen, braucht sie Dribbler, die das Nadelöhr finden und durchschlüpfen. Nach ihrem langsamen Auftritt bei der WM in Russland, wo sie in zwei von drei Spielen kein Tor schoss, ist das umso klarer. 

Auch deswegen ist Sané inzwischen in der Nationalelf nun akzeptiert, selbst Kroos äußerte sich versöhnlich. Zudem ist die Zahl derjenigen gesunken, die sich daran stören, wenn einer im teuren Fummel aufkreuzt. Oder an neuen Löckchen, Tattoos und anderen Extravaganzen, auch solchen auf dem Trainingsplatz.

Dennoch bleibt es eine gewichtige Aufgabe für die Mannschaft, natürlich auch für den Trainer, Leroy Sané so gut wie möglich einzubinden. Man muss ihm das Accent auf dem é lassen. Dann kann er Großes für die deutsche Nationalmannschaft leisten.