Im Operation Aderlass genannten Dopingskandal ist in Erfurt eine fünfte Person festgenommen worden. Das bestätigte die Staatsanwaltschaft auf einer Pressekonferenz in München. Wie der Mitteldeutsche Rundfunk MDR berichtet, handle es sich dabei "nicht um eine medizinisch ausgebildete Fachkraft", die aber dennoch "mit dem Prinzip Learning by Doing" Blutdopingmaßnahmen durchgeführt habe.

Den Ermittlungen zufolge sollen 21 Sportler aus acht Ländern und fünf Sportarten verbotenes Eigenblutdoping betrieben haben. Ob auch deutsche Athleten darunter sind, ist unklar. Bekannt sind bislang die Herkunftsländer Österreich, Estland und Kasachstan.

Der Fall könnte sich ausweiten: "Die Operation Aderlass ist von Anfang an eine sehr interessante und spannende Geschichte, in der längst nicht alle Kapitel geschrieben sind", sagte Oberstaatsanwalt Kai Gräber. Fast täglich gebe es neue Wendungen. Die Ermittlungen waren durch das Dopinggeständnis des österreichischen Skilangläufers Johannes Dürr ausgelöst worden. 

Vor wenigen Wochen hatte es bei der nordischen Ski-WM in Österreich und in den Räumen des Hauptverdächtigen Mark S. in Erfurt dazu Razzien gegeben. Mark S. sei inzwischen vernommen worden, berichtete Gräber. Details aus den Vernehmungen verriet er aus ermittlungstaktischen Gründen nicht. Zwischen dem Jahr 2011 und der Dopingrazzia im Februar wurde Gräber zufolge eine dreistellige Zahl an Bluttransfusionen an Sportlern, auch an Frauen, durchgeführt. Diese machten jedoch nur einen kleinen Prozentsatz aus. Er sei zuversichtlich, dass die bei Mark S. codiert beschrifteten Blutbeutel auch ohne DNA-Abgleich zugeordnet werden könnten.

Hawaii und Südkorea

In dem Fall geht es um drei Winter- und zwei Sommersportarten. Dass Langlauf darunter ist, steht fest. Daneben wird über Biathlon, Radsport und Triathlon spekuliert. Auch auf Hawaii sollen Bluttransfusionen vorgenommen worden sein. Gräber nannte als einen Ort der Vergehen außerhalb Europas Südkorea, wo 2018 die Olympischen Winterspiele stattfanden. Zwei Personen aus dem Netzwerk von Mark S. seien dort gewesen.

Auf der Pressekonferenz zeigte Gräber Bilder von einer Garage oder Gefrierschränken des Arztes. Mark S. hat Geräte von Stefan Matschiner erworben, der vor einigen Jahren wegen versuchten Blutdopings und der Weitergabe illegaler Substanzen verurteilt worden war. Matschiner hat seine Ausrüstung demnach nicht wie angekündigt gemeinnützigen Zwecken zukommen lassen, sondern für 50.000 Euro an Mark S. verkauft.

Gräber berichtete von Sportlern, die nach Behandlungen wie betäubt wirkten, nicht genau identifizierte Mittel an sich testen ließen oder sich vor langen Flügen einen Liter Eigenblut zum Transport injizieren ließen. Die Thromboseprophylaxe gab es dazu. Den Ermittlungen zufolge hat sich Mark S. seine Dienste mit rund 4.000 bis 12.000 Euro pro Athlet pro Saison entlohnen lassen. "Der hat schon seinen Schnitt gemacht", sagte Gräber.

Ein bis zehn Jahre Haft

Außer Mark S. wurden nach der Razzia drei weitere Personen festgenommen. Eine 48-jährige Deutsche ist noch nicht von Österreich ausgeliefert worden. Ein 66-Jähriger wurde am vergangenen Freitag von dort nach Deutschland gebracht. Den Beschuldigten drohen Haftstrafen von ein bis zehn Jahren.

Der bayerische Staatsminister Georg Eisenreich erklärte, in Dopingermittlungen sei eine Kronzeugenregelung sehr wichtig. Aussagewillige Sportlerinnen und Sportler sollten weitgehend von Strafverfolgungen befreit werden können. Auch die Versuchsstrafbarkeit müsse in das Antidopinggesetz aufgenommen werden. Derzeit ist der Versuch in den meisten Fällen nicht strafbar.

Die Münchner Schwerpunktstaatsanwaltschaft Doping gibt es seit zehn Jahren. In der Zeit führte sie rund 7.100 Ermittlungsverfahren durch, mehr als 1.200 Dopingsünder wurden verurteilt.