Wenn in Madrid, auf den Tribünen des Estadio Santiago Bernabeú, die Taschentücher gezückt werden, ist es zu spät. Ihr Wehen im Abendhimmel ist ein traditioneller Ausdruck für den Unmut des Volkes, das dann in einem Anflug von Jähzorn nicht weniger als die Welt verdammt. Nach dem Selbstverständnis des Publikums müssen dann Köpfe rollen, wie im alten Rom.

So auch an diesem Dienstagabend, als nicht weniger als eine Ära endete. Nach dem 1:4 gegen Ajax Amsterdam verlangten einige lautstark den Rücktritt von Präsident Florentino Perez, der Trainer Santiago Solari am besten gleich mitnehmen sollte in den Schlund der Hölle, wo man die beiden hinwünschte. Eins zu vier. Eins zu vier! Zu Hause! Das Aus im Achtelfinale der Champions League. Das letzte Mal, dass die Madrilenen in diesem Wettbewerb als Verlierer vom Platz gingen, lag schon eine Weile zurück. Im Frühjahr 2015 war es, gegen Juventus Turin. Danach gewann Real die Champions League drei Mal infolge. Zuvor war es seit 1992 keinem Club gelungen, den Titel auch nur zu verteidigen.

All das sind nun Zahlen aus einer längst vergangenen Zeit, die Gegenwart könnte trister kaum sein. Gedemütigt in der Champions League, im spanischen Pokal ausgeschieden und in der Liga zwölf Punkte Rückstand auf den FC Barcelona, dem man zuletzt zwei Mal in einer Woche unterlag. Am treffendsten fasste es Daniel Carvajal zusammen, der einst für Bayer Leverkusen die rechte Seite auf und ab lief: "Wir erleben eine Scheißsaison", sagte der Verteidiger, und so mancher Real-Fan dürfte das für eine groteske Verharmlosung der Umstände halten.

Tatsächlich ist das, was Real Madrid dieser Tage durchlebt, eine Zäsur. Das 1:4 gehört zu den blamabelsten Resultaten des erfolgreichsten Clubs Europas, aber das eigentliche Ende dieser Mannschaft begann viel früher.

Es war am späten Abend des 26. Mai 2018, Real hatte gerade gegen den FC Liverpool erneut die Champions League gewonnen, als Cristiano Ronaldo jenen verhängnisvollen Satz in ein Fernsehmikrofon sprach, während im Hintergrund die Kollegen mit dem Henkelpokal durch die Gegend liefen. "Es war sehr schön, bei Real Madrid zu sein", sagte er und verschwand wenige Wochen später zu Juventus Turin.

Die Mannschaft lag schon im Sterben

Der Portugiese fühlte sich bei Real nicht ausreichend wertgeschätzt. Er hatte mehr Geld gewollt, so viel wie sein Rivale Lionel Messi, Perez aber wollte nicht nachbessern. Als Ronaldo vergangenen Sommer in Spanien wegen Steuerbetrugs zu einer Nachzahlung von 14,7 Millionen Euro verurteilt wurde, glaubte er, der Club würde die Summe für ihn bezahlen. Er hatte gehört, dass der FC Barcelona das Gleiche im Fall von Lionel Messi getan haben soll, der ebenfalls verurteilt worden war. So stand es in den Dokumenten von Football Leaks. Aber Real weigerte sich. Und auf der Weltfußballer-Gala, die Ronaldo zum fünften Mal hintereinander gewonnen hatte, flirtete sein Präsi lieber mit Neymar.

Damit war alles endgültig aus. Die Stimmung im Team war eh nur mäßig. Wie es um den Teamgeist jener Zeit bestellt war, zeigte auch eine Aussage von Gareth Bale. Der Waliser hatte mit zwei Toren das Finale entschieden, aber statt sich zu freuen, sagte er: "Ich muss mich mit meinem Berater hinsetzen und sehen, wie es weitergeht. Ich muss mehr spielen, das war in dieser Saison nicht der Fall."

Der Trainer Zinédine Zidane, der Vater der drei Europapokalsiege, wusste, dass diese Mannschaft nicht mehr zu retten war. Sie lag schon im Sterben, nur war er der einzige, der das wusste. Alle anderen ignorierten die Diagnose, die er in einem kleinen Vertrautenkreis gestellt hatte. Als Konsequenz trat er zurück.

Missverständnis mit Lopetegui

Es gehört zur Eigenwilligkeit des Fußballs, dass in Zeiten von Sportdirektoren, Sportvorständen, Managern und Kaderplanern die erfolgreichste Mannschaft der Gegenwart ihren Trainer zuvor durch Zufall und einer Verkettung glücklicher Umstände gefunden hatte. Als Zidane im Februar 2016 von Rafael Benitez übernahm, passierte das nur, weil gerade niemand anderes zur Verfügung stand. Zidane wollte auch gar nicht, er mochte seine Arbeit im zweiten Glied und ließ sich lediglich mit dem Versprechen ködern, eine Übergangslösung zu sein. Dann kam alles anders.

Dass Real immer noch nach Gutsherrenart geführt wird, zeigte sich bei der Suche nach Zidanes Nachfolger. Präsident Perez, der selten nach sportlicher Eignung und sehr oft nach medialer Aufmerksamkeit aussucht, entriss der spanischen Nationalmannschaft kurz vor Beginn der Weltmeisterschaft in Russland ihren Trainer. Ein Skandal, ganz nach dem Gusto von Perez, der bald darauf Julen Lopetegui als Nachfolger vorstellte.

Nur hatte scheinbar niemand im Hause Reals dem mächtigen Präsidenten verraten, dass dieser Lopetegui seit jeher zwar als hervorragender Auswahltrainer reüssierte, der für den Verband mit diversen Juniorenteams Titel gewann und auch der Selección Leben einhauchte, nur eben als Vereinstrainer höchst ungeeignet daherkam. Keine seiner Anstellungen auf Clubebene währte lange, und daran sollte sich auch bei Real nichts ändern. Noch im Herbst, nach einem 1:5 beim FC Barcelona, endete das Missverständnis.