ZEIT ONLINE: Wie korrupt ist der serbische Fußball und wer sind die Paten der Liga?

Petrovic: Die Korruption ist riesig. Die Hauptpaten sind die Politiker in Zusammenarbeit mit Geschäftsleuten der serbischen Mafia. Ein Fußballverein ist der ideale Ort für Geldwäsche. Bei einigen unserer lokalen Vereine wurden die Inhaber erschossen. Zum Beispiel der FK Bežanija Belgrad (zweite Liga Serbien). Dort sind schon drei Clubpräsidenten ermordet worden. Diese lokalen Vereine aus der zweiten und dritten Liga waren ausschließlich für Geldwäsche da. Das war vor zehn Jahren aktuell und ist teilweise noch immer so.

ZEIT ONLINE: Der Sohn des serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić war bei der Fußball-WM in Russland mit serbischen Hooligans zu sehen.

Petrovic: Ja, der Junior, er war mit verurteilten Hooligans unterwegs. Auch Vučić Senior war früher ein Teil der organisierten, gewaltorientierten Fans von Roter Stern, die zu den Spielen gingen, um sich zu schlagen. Er hat selbst zugegeben, es macht keinen Spaß, wenn du wegen des Fußballs nach Split oder Zagreb fährst, und dann gibt es keine Schlägerei. Er hat auch gesagt, er war damals sehr jung. In einer früheren Regierung von Zoran Đinđić gab es den Justizminister Vladan Batić, der sagte, er sei auch zu Fußballschlägereien gegangen. Batićs städtischer Sekretär für Sport war der ehemalige Chef einer Hooligantruppe von Roter Stern. Wie soll ein Belgrader Staatsanwalt gegen solche Leute vorgehen, wenn sein Chef Batić selbst einer von denen ist? In der Gegenwart hat Aleksandar Vučić die volle Kontrolle über die Fangruppen. Das beste Beispiel dafür ist die Pride Parade, die seit 2014 normal abgehalten werden kann. 2014 versuchten nur noch die rechtsradikalen Fans von Rad Belgrad, etwas dagegen zu machen. Unter diesen Fans war auch der Sohn von Vučić, die Polizei hatte damals von allen die Ausweise kontrolliert, so kam es raus. Alle Paraden bis dahin wurden von Hooligans gesprengt.

ZEIT ONLINE: Warum beteiligen sich keine Belgrader Fangruppen an den 2019er Einer-von-fünf-Millionen-Protesten gegen Aleksandar Vučić?

Petrovic: Diese Gruppen haben nichts damit zu tun. Aber es gibt im Stadion bei jedem Match Proteste von Roter-Stern-Fans gegen Vučićs Kosovopolitik. Die Fans sind gegen eine Abspaltung. Nicht nur die von Roter Stern. Für viele Leute ist der Kosovo ein untrennbarer Teil Serbiens. Das ist die einzige Angelegenheit, wo die Liebe zwischen Vučić und den Fußballfans aufhört.

ZEIT ONLINE: Welche Stellung haben Frauen, Homosexuelle und Minderheiten im Umfeld der Clubs? Nach Angaben der Zeitung The Guardian von 2017 vertreten 65 Prozent der Serben die Meinung, dass Homosexualität eine Krankheit ist. 78 Prozent seien der Meinung, dass Homosexualität in der Öffentlichkeit nicht gezeigt werden sollte.

Petrovic: Darüber wird nicht viel gesprochen. Aber die Fans United Force von Rad Belgrad greifen Roma immer wieder an.

ZEIT ONLINE: Gibt es bekennende homosexuelle Spieler oder Funktionäre?

Petrovic: Ich habe nichts davon gehört. Es wäre für die nicht empfehlenswert, sich zu outen, die Fans würden das nicht tolerieren. 

ZEIT ONLINE: Die serbische Premierministerin Ana Brnabić ist lesbisch. Ist das in der Öffentlichkeit ein Problem?

Petrovic: Der Großteil der Serben ist tolerant, es stimmt eigentlich nicht, dass Serbien ein homophobes Land ist. Aber die Hooligans sind offen homophob. 

ZEIT ONLINE: Was wünschen sie sich für Serbien?

Petrovic: Dass Serbien ein normales Land wird. Dass meine Kinder normal aufwachsen. Dass sie nicht in den Westen zum Studieren und Arbeiten gehen müssen. Dass Serbien ein gleichberechtigtes Mitglied in der EU wird.