In Fußballeuropa beginnt die heiße Phase. Die Hinspiele im Viertelfinale stehen an, in der Champions League am Dienstag und Mittwoch, in der Europa League am Donnerstag. Der beste Fußball der Welt wird im europäischen Vereinsfußball gespielt – und nicht, wie mancher denkt, bei Weltmeisterschaften. Daher eignet sich der Europapokal am besten für die Frage: Welche Liga ist die stärkste der Welt, in welchem Land wird der beste Fußball der Welt gespielt?

England

In diesem Jahr erleben sie ein Comeback. Die Engländer sind wieder da. Aus der EU wollen sie raus, wenn man sie richtig versteht. Im Europapokal sind sie stark wie nie. Die Premier League beherrscht den Wettbewerb mit Geld und ihrem Kosmopolitismus. Keine andere Liga nimmt so viele Milliarden mit TV-Rechten ein, keine andere ist so offen für fremdländisches Kapital. Inzwischen geben es die englischen Vereine auch sinnvoll aus. Sie haben Stars aus aller Welt und auch die besten Trainer. Also keine Engländer, sondern aus Spanien, Italien, Portugal, Argentinien. Und Jürgen Klopp, Deutschlands Besten, der allerdings seine drei bisherigen Endspiele im Europapokal verlor. Und so spielt Liverpool unter Klopp einen Rookie-Stil wie früher Dortmund, und Manchester City unter Pep Guardiola wie ein Barcelona-Klon. Der FC Chelsea, der von Maurizio Sarri trainiert wird und früher von Diego Conte, pflegt dagegen die italienische Abwehrschule.

England war schon mal stark. Die Ära von Manchester United (Titel 1999 und 2008) begann in den späten Neunzigern und endete ein Jahrzehnt später. Dann wurde der FC Chelsea mit dem Geld von Roman Abramowitsch erfolgreich, doch der Titel 2012 fiel schon in den Abschwung des englischen Fußballs hinein. Der Glückssieg im "Finale dahoam" war ein letzter Ausreißer. Im Jahr 2015 hatte die Premier League nicht mal einen einzigen Teilnehmer im Viertelfinale.

Im Vorjahr erreichte Liverpool dann wieder das Finale. Ins Viertelfinale haben es dieses Jahr alle vier englischen Teilnehmer geschafft. Manchester City und die Klopp-Elf sind sogar Mitfavoriten auf den Titel, Tottenham und Manchester United immerhin Außenseiter. Arsenal und Chelsea komplettieren den Einzug der "Big 6", die beiden Londoner Klubs zählen zu den Titelanwärtern in der Europa League. Das ist zwar nur die zweite Liga Europas, aber man kann sie natürlich trotzdem mitnehmen, so wie United 2017 und Chelsea 2013.

Spanien

England könnte in dieser Saison Spanien entthronen, die mit Abstand stärkste Nation dieses Jahrzehnts. Die letzten fünf Champions-League-Titel gewann ein Team von La Liga, vier Mal Real Madrid, ein Mal Barcelona (2015). Zudem erreichte Atlético Madrid zwei Mal das Finale (2014, 2016), einmal verlor die Elf von Diego Simeone in der Verlängerung, das andere Mal im Elfmeterschießen, jeweils gegen den Stadtrivalen Real.

Spanien beherrscht den Wettbewerb mit seiner Fußballkultur. So gut wie alle Erstligisten setzen auf technischen, strategischen Offensivfußball mit klar definierten Spielerpositionen und Hierarchien in der Mannschaft. Ballbesitz in der gegnerischen Hälfte ist das prägende Mittel, das offensive Extrem ist Barcelona, das defensive Atlético. Dieses Jahr ist Madrid, der Finalort, schon raus. Beim Dauersieger Real ist nach Ronaldos Abgang ein Zyklus zu Ende gegangen. Atlético traf bereits im Achtelfinale auf eine starke Mannschaft, Juventus Turin, und einen alten Angstgegner, eben jenen Ronaldo. Der schoss Simeone mit drei Toren raus. Der FC Barcelona zählt wie immer zum kleinen Kreis der möglichen Sieger, egal unter welchem Trainer.

Wie gut Spaniens Fußball ist, sieht man auch in der Europa League. Von den letzten neun Titeln in diesem Wettbewerb gewannen die Spanier sechs, je drei Mal der FC Sevilla und Atlético. Diesmal stehen der FC Valencia und der FC Villareal, der in der Liga gegen den Abstieg kämpft, im Viertelfinale. Sie spielen gegeneinander.

Italien

Die drittstärkste Kraft in Europa ist die Serie A. Auch der Fußball Italiens lebt von einem klaren Idee, die man bei allen Mannschaften erkennen kann. Sie können alle gut verteidigen. Allerdings ist der defensive, abwartende Stil im modernen Fußball nicht mehr state of the art. Das ist ein Grund, warum Italien nicht mehr die stärkste Nation ist, wie noch in den Achtzigern und Neunzigern. Der andere ist, dass sich viele Vereine die besten Spieler der Welt nicht leisten können, wie das damals noch der Fall war. Den letzten Champions-League-Titel für Italien gewann Inter Mailand unter José Mourinho (2010). In den beiden Champions-League-Endspielen gegen spanische Mannschaften (2015, 2017) war Juventus Turin praktisch chancenlos. In diesem Jahr scheint der mit Abstand reichste Verein des Landes, das Bayern München Italiens, erstmals wieder titelfähig. Der Grund heißt Ronaldo, der vor der Saison aus Madrid kam. Der AS Rom, im Vorjahr überraschender Halbfinalteilnehmer, schied im Achtelfinale aus.

Die zweite italienische Reihe ist klein geworden. Zwischen 1989 und 1999 erreichten zehn verschiedene italienische Vereine ein Europapokalfinale, überhaupt gab es nur ein Finale im Uefa-Cup, wie die Europa League damals hieß, in dem keine italienische Mannschaft beteiligt war. Seitdem ist kein Team aus der Serie A mehr so weit gekommen. Vielleicht schafft es der SSC Neapel diesmal mit Carlo Ancelotti, der in der Vorrunde der Champions League sehr knapp gegen Liverpool rausflog. Die beiden Mailänder Vereine, früher die besten Adressen der Fußballwelt, haben nicht mehr so viel Geld wie zu den goldenen Zeiten. Der AC, vor einem Vierteljahrhundert die weltbeste Mannschaft, wird zerrieben von verschiedenen Investoren. Inter schied im Achtelfinale der Europa League gegen Eintracht Frankfurt aus, die Mannschaft konnte mit dem Tempo und der Athletik des Bundesligisten nicht mithalten.