Was ist schon Perfektion? David Lama hatte eine Ahnung. "Ein Tag ist perfekt, wenn man eine Wand vor sich hat, die noch keiner geschafft hat. Ein Sommer ist perfekt, wenn man wochenlang dort unterwegs ist, wo kein Auto hinfährt, kein Handy Empfang hat. Ein Leben ist perfekt, wenn man alles ausprobiert."

Er schaffte Wände, die keiner vor ihm bezwang.
Er kletterte wochenlang durch die Wildnis.
Er probierte alles.

David Lama, österreichischer Ausnahmekletterer, starb am vergangenen Dienstag im Alter von 28 Jahren im Banff-Nationalpark in Kanada, als eine Lawine ihn und seine beiden Kollegen Hansjörg Auer und Jess Roskelley verschüttete. Die drei Bergsteiger hatten sich auf den Weg zum Howse Peak gemacht, gegen Mittag den Gipfel erreicht und sich auf dem Rückweg zur Ostseite hin gerade abgeseilt, als die Lawine sie mitriss. Es dauerte fast eine Woche, bis Mitarbeiter des Nationalparks die Leichen bergen konnten.

Was bleibt von einem perfekten Leben?

Eigentlich schon schwer zu glauben, wie alles losging. Ein Mönch in Tibet hatte einen Sohn, Rinzi, der am Mount Everest aufwuchs. Rinzi wurde Sherpa, betreute in den Achtziger Jahren eine Trekkingtour in Nepal und lernte dabei eine junge Österreicherin namens Claudia kennen. Als die zurück in ihrer Heimat Innsbruck war, lud sie Rinzi zu sich ein. Der kam und blieb. Sie heirateten, nahmen Rinzis Nachnamen Lama an und bekamen einen Sohn, am 4. August 1990 war das, David.

Mit fünf begann der zu klettern. In einer Halle in Innsbruck. Zufällig bei Peter Habeler, einem Everest-Bezwinger. Der bescheinigte ihm gleich zu Beginn sein Ausnahmetalent, die Eltern begannen, ihren Sohn gezielt zu fördern. Mit sieben bestritt David Lama seinen ersten Wettkampf, er wurde Zweiter, mit neun siegte er beim Juniorcup des Alpenvereins, mit zehn kletterte er in Slowenien seine erste 8a-Route, was keinem Kind seines Alters zuvor gelungen war. Mit 15 änderten Offizielle des Erwachsenenweltcups für ihn die Regeln, Lama durfte teilnehmen und gewann als jüngster Kletterer aller Zeiten Wettkämpfe in der Boulder- und in der Vorstiegstechnik.

Er wurde Europameister und Gesamtweltcupsieger, die schwarzen Haare und das verschmitzte Gesicht taten ihr Übriges: David Lama wurde zum Posterboy einer boomenden Kletterszene, stand bald bei den größten Geldgebern unter Vertrag. Die ahnten: Einer wie er, ausgestattet mit beinahe übermenschlichen Kräften, einem beweglichen Körper und perfekter Technik, würde noch Großes vollbringen können. Es passte Sponsoren und Fans ganz gut, dass Lama bald die Lust verlor am Klettern an künstlichen Wänden. "Richtiges Klettern ist für mich am Fels", sagte er und – betrat die große Bühne Alpinismus.

Es gibt diese Geschichte, die Lama gern erzählte, vom Berg, in den er sich wie in eine Frau verliebt habe. In einem herumliegenden Klettermagazin entdeckte er 2009 das Bild einer Felsnadel. Ein Zeigefinger aus Granit, senkrecht zum Himmel zeigend. Niemand, las Lama, hatte diesen Pfeiler je im freien Stil bezwungen. Reinhold Messner sollte sich gar noch zu der Aussage versteigen, es sei unmöglich, den Berg ohne Hilfsmittel zu besteigen. David Lama wollte genau das.

Er flog nach Patagonien und sah seinen Berg. Cerro Torre, Turm aus Fels.

Er versuchte 2010 einen Aufstieg und scheiterte.
Er kam im nächsten Jahr wieder und scheiterte erneut.
2012 bezwang David Lama, Wunderkind aus Österreich, den Cerro Torre.

Sein Sponsor begleitete seinen Aufstieg mit Kameras im Helikopter, der Film kam in die Kinos. Nicht den Hauch einer Chance hieß er, und natürlich lag die Ironie des Titels genau darin, dass Lama seine Chance genutzt hatte.

Der Alpinist als einer, der das scheinbar Unmögliche möglich macht? Ja, aber bei Lama nicht durch blindes Draufgängertum. Der Alpinist als Informationsverwerter, das schon eher.