Am Mittwoch erlebte man einen wahrhaftigen Moment im Fernsehen. Nach dem Abpfiff des Pokalhalbfinales zwischen Werder Bremen und Bayern München plauderte der ARD-Moderator Matthias Opdenhövel aus, wie sein Experte Stefan Kuntz auf den viel diskutierten Elfmeter für Bayern München während der Live-Übertragung zuvor reagiert hatte. Der ehemalige Nationalstürmer hatte sich mächtig über den Pfiff aufgeregt und eine Gelbe Karte wegen einer Schwalbe gefordert.

Nach dem Spiel kühlte Kuntz etwas runter, blieb jedoch bei seiner Meinung: nie und nimmerst Elfmeter. Tatsächlich berührte der Bremer Theodor Gebre Selassie Kingsley Coman lediglich minimal und das auch nur am Oberkörper. Dann, der Ball befand sich schon kurz vor dem Osterdeich an der Weser, warf sich Coman mehr hin, als dass er gestoßen wurde. Man sah es an der Bewegung seiner Beine.

Auch intern ist die Aufregung nun groß, in Schirikreisen kursierte noch während des Spiels eine SMS: "Dieser Pfiff geht nicht!" Eigentlich hielten nur Leute mit Vereinsbrille oder Theoretiker Sieberts Entscheidung für korrekt.

Und noch zwei andere: Daniel Siebert, der Schiedsrichter, sowie Robert Kampka, sein Videoassistent. "Ich verstehe das nicht. Warum schaut er sich das nicht noch mal an?", ereiferte sich Kuntz. Dies fragten sich viele: Warum wurde Siebert von Kampka nicht darauf aufmerksam gemacht, dass er sich die Szene noch mal anschauen sollte? Dann hätte Siebert erkannt, dass Gebre Selassie Coman nicht am Fuß getroffen hatte, wie es Siebert gesehen haben wollte.

Diese Beweisführung geht zumindest aus den Ausführungen eines Bremer Spielers hervor, der auf dem Platz mit ihm diskutierte. Dem ganzen liegt ein Kommunikationsproblem zwischen dem Mann auf dem Feld und seinem Gehilfen aus dem Kölner Keller zugrunde. Das bestätigte der DFB, dessen Chef der Videoschiedsrichter, Jochen Drees, gab sogar zu, dass er Sieberts Elfer für falsch hält. Außerdem, schreibt Drees, hätte der Videoassistent eingreifen müssen.

Die Elfmeterszene von Bremen, die ein ausgeglichenes Halbfinale entschied und ein spannendes Duell killte, zeigte erneut: Auf den Videobeweis wird viel geschimpft. Doch das Problem ist nicht der Videobeweis. Das Problem ist die Qualität der deutschen Schiedsrichter.

Über Schiris wird gemeckert, jeher und überall. Aber Deutschland ist ein spezieller Fall. Keine andere Nation zählt so viele Schiedsrichter, bloß sind sie lange nicht mehr so gut wie früher, als der DFB die besten der Welt stellte. Das alles ist selbst verschuldet.

Spätfolgen der Krug-und-Fandel-Ära

Manuel Gräfe hat vor zwei Jahren die entscheidende Ursache in einem Interview mit dem Tagesspiegel erklärt. Darin warf er den ehemaligen Schiedsrichterbossen Hellmut Krug und Herbert Fandel jahrelange Günstlingswirtschaft, Mobbing und Manipulation vor. Kritische Geister würden kleingehalten oder aussortiert, Jasager stattdessen befördert. Manche seien für ihre Fehler von den Chefs vorgeführt worden, andere seien trotz erkennbarer Mängel immer weiter aufgestiegen. Krug und Fandel beförderten, sagte Gräfe, nicht nach Leistung und sachlichen Kriterien, sondern nach persönlichen.

Krug und Fandel waren auch in Regelauslegungen umstritten. Mit immer neuen Anweisungen zur Handregel etwa verwirrten sie Spieler, Trainer, Zuschauende und auch Schiedsrichter, vor allem die erfahrenen. Auch hielten sie ihre Leute in Foulfragen zu mehr Kleinlichkeit an. Trainer und Spieler wünschen sich jedoch meist das Gegenteil und der internationale Standard sieht eine großzügige Leitung vor. Bei der Uefa und Fifa darf Fußball auch Kontaktsport sein.

Die beiden Chefs bestritten die Vorwürfe, doch andere Kollegen und Ex-Kollegen stimmten Gräfe zu, darunter Felix Brych, Deutschlands offizielle Nummer eins. Der DFB teilte die Kritik seiner beiden Spitzenleute und entmachtete Krug und Fandel. Seit eineinhalb Jahren nun ist Krug weg und Fandel nur noch international tätig. Doch ihre jahrelange Amtszeit hat Spätfolgen.