Es gibt viele Szenen mit Dirk Nowitzki, die einen als Zuschauer Tränen der Rührung in die Augen treiben. Als zuletzt ganze Hallen des Gegners mitten im Spiel aufstanden und ihm applaudierten. Oder in seinem letzten Heimspiel in Dallas, in der Nacht zum Mittwoch. In einer Viertelpause wurde in der Halle ein Video eingespielt. Nowitzki besucht in jeder Sommerpause ein Kinderkrankenhaus in Dallas, die Kinder kennen ihn nur als "Uncle Dirk". Nowitzki wollte dieses Engagement bis vor wenigen Jahren nicht öffentlich machen. Nun lief das Video, die Zuschauer sahen es, er sah es und er weinte. "Ich nahm danach einen Wurf, sah den Ring aber nicht, weil ich so viele Tränen in den Augen hatte", sagte er. Für die Kinder war er ein Held, für alle anderen der mit dem brillanten Wurf.

Jetzt hört er auf, nun also doch. Der 40-jährige wird in der Nacht zum Donnerstag mit seinen Dallas Mavericks noch einmal in San Antonio antreten, dann ist Schluss. Der linke Fuß, Knochensporne im Sprunggelenk. Bis zuletzt war spekuliert worden, ob er noch ein Jahr dranhängt. Die Entscheidung fiel erst in den letzten Tagen, sagte er, er wollte kein ewiges Schaulaufen.

Nowitzkis Karriere ist schwer zu glauben. Er warf mehr als 30.000 Punkte, nur fünf Spieler warfen in der Geschichte des Basketballs besser. Er erreichte 15 Mal die Play-Offs, 14 Mal wurde er ins All-Star-Team gewählt. Seit 1999 machte er in der NBA 1.522 Partien, alle für die Dallas Mavericks. Er ist der loyalste Sportler dieser Zeit. Als erster und bisher einziger Spieler der NBA blieb er seinem Team 21 Jahre lang treu.

Die Dallas Mavericks waren keins der Topteams, eher so etwas wie der 1.FC Köln. Nowitzki führte sie 2011 zur Meisterschaft und wurde MVP, der beste Spieler der Saison. Er wurde von Barack Obama im Weißen Haus empfangen, und veräppelt. Würde man Nowitzki treffen, man würde Kumpel werden wollen.

Profisportler zu sein, das war schon gut

Er war einer der besten Basketballer aller Zeiten, aber nicht nur. Er war auch unverschämt bodenständig: "Ich kann halt 'nen Ball ganz gut in ein Körbchen reinschmeißen", sagte er in einer Doku. Basketballer arbeiten vor allem mit ihrem langen Körper, doch Nowitzkis Charakter wuchs immer mit. Man findet keine unsinnigen Nowitzki-Zitate, er blieb frei von Skandalen. Nur einmal, da wäre er beinahe auf eine Heiratsschwindlerin reingefallen. Da war er ein Opfer seines Ruhms. 

Ein Sportler von Weltrang zu sein tat nicht jedem gut. Ihn hat das kaum verändert. Er ist einer der größten deutschen Sportler, auf jeden Fall ist er das beste Vorbild, das ein Sportler sein kann. Zu seinem Abschied hielten unter anderem Scottie Pippen, Charles Barkley und Larry Bird den Toast auf ihn. Die Reaktionen zeigen: Er war so wie ein jeder Profi immer sein wollte.

Die Geschichte von Nowitzki ist auch die eines erfolgreichen Duos. Sein Mentor Holger Geschwindner ließ ihn jeden Sommer an seinen Würfen arbeiten, in einer Schulturnhalle in Rattelsdorf, einer basketballaffinen Gegend in Oberfranken. Selbst in den letzten Tagen der Karriere reiste Geschwindner mit Nowitzki und den Mavericks, um an Nowitzkis Wurftechnik zu feilen. "Es gibt immer etwas zu verbessern", sagte Nowitzki dem Spiegel.

"Wie Frankenstein und der verrückte Professor"

Geschwindner mischte naturwissenschaftliche Tüftlerliebe mit dem Ehrgeiz von Nowitzki. Ein studierter Physiker traf auf 2,13 Meter Basketballtalent, "it's like the mad scientist and Frankenstein I guess", sagte der ehemalige Teamkollege Michael Finley über die Beziehung der beiden. Heraus kam: der perfekte Wurf, sein Erbe für den Sport.

Er war der erste Lulatsch, der auch werfen und spielen konnte. Bis Nowitzki in die NBA kam, schleppten sich die Hünen von einem Ende des Feldes zum anderen, meist als behäbige Center unter dem Korb. Nowitzki hat das Spiel revolutioniert, war schneller, fitter und wendiger als seine großen Vorgänger. Er hat die Position des Forwards neu beschrieben. Sein signature move, der fade-away-Wurf, bei dem er im Rückfallen traf, wurde oft kopiert. Von deutschen Jungen in Garageneinfahrten, die dabei seinen Namen brüllten, aber auch von anderen Legenden des Sports, wie von Kobe Bryant. Der sagt über Nowitzki, seine Ballbehandlung und seine Pässe unterschieden ihn von allen anderen. Alle können sich auf ihn einigen, auch deutsche Sportfans, deren erste Passion nicht unbedingt Basketball ist.

Für das Nationalteam stand er immer zur Verfügung, auch wenn es mit seinem Spielplan in den USA eng wurde. Mit ihm gewann Deutschland 2002 WM-Bronze, besser war und wurde bisher kein deutsches Team. Er bekam, natürlich, die Auszeichnung als Spieler des Turniers. Bei den olympischen Spielen 2008 in Peking trug er die deutsche Fahne bei der Eröffnungsfeier.

Es war der Moment, als auch die Mehrheit der Deutschen verstand, was in den USA seit Jahren abging. Die große, lange Dirkules-Show. Auch wenn sein Sport bis zum Schluss vielen fremd blieb. Autorennen oder Tennis sind einfacher zu verstehen. Nowitzki ging seinen eigenen Weg und blieb vom Boulevard verschont. Er war als Profi ohne Fehler. Seine Karriere hat ein Happy End, das ist nicht jedem deutschen Weltstar, ja sehr wenigen aus der Welt des Sports geglückt. "One more year", forderten die Fans in Dallas. Er wird sie nicht erhören, leider.