Eintracht Frankfurt spielt um 21 Uhr das Viertelfinal-Hinspiel in der Europa League. Zuerst ist die Eintracht bei Benfica Lissabon zu Gast, in einer Woche findet in Frankfurt das Rückspiel statt. Stephan Reich arbeitet als Redakteur für den Hessischen Rundfunk und ist Schriftsteller. Vorher war er Leiter der Online-Redaktion von 11Freunde.

Es war ein kalter Tag im November 2000, als mir vollends bewusst wurde, worauf ich mich da eingelassen hatte. Ich stand im G-Block des zugigen Frankfurter Waldstadions, Regen peitschte mir in den Nacken und irgendwo hinter der endlos weiten Tartanbahn verlor die Eintracht mit 0:4 gegen Hertha BSC, die eigentlich auch nicht so viel zu bieten hatten. Ich war durchnässt und merkte schon auf dem Heimweg eine Erkältung heraufziehen. In der Regionalbahn zurück nach Nordhessen erbrach sich jemand. Wir sprachen nicht viel, höchstens mal ein "Tja", weil das die Situation eigentlich ganz gut zusammenfasste. So ist das jetzt also, dachte ich, während die Bedeutungslosigkeit Mittelhessens an mir vorbeizog. So ist das jetzt also, Fan von Eintracht Frankfurt zu sein.

Ich war erst einige wenige Jahre Fan und so kam es mir damals wie ein Fehler im Raum-Zeit-Kontinuum vor, dass die Eintracht vom aufregendsten Club der Liga zu einer Ansammlung von Gerd Wimmers und Serge Brancos mutiert war, die hilflos dem Abstieg entgegen dilettierte.

Das Versprechen

Mir und all den anderen Kids, die in den frühen Neunzigern mit Fußball in Hessen sozialisiert worden waren, war schließlich ein Versprechen gegeben worden: Anthony Yeboah, Andreas Möller, Uwe Bein – das sind die besten, aufregendsten Fußballer des Landes. Sie spielen nicht nur schön, sie werden auch erfolgreich sein. Alles schien möglich.

Doch das Versprechen, es wurde gebrochen. Es kam das Drama von Rostock 1992, als die Eintracht beim Absteiger die Meisterschaft verschenkte. Klaus Toppmöller kam, Yeboahs Kreuzband riss, schließlich kam Jupp Heynckes, dann passierte lange nicht mehr viel, zumindest nicht im Guten. Die Eintracht stieg 1996 ab, zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte, stieg wieder auf, wieder ab, war fast pleite. Die Abwendungen von Niederlagen waren die neuen Siege, über die man sich mit der Faust in der Tasche halb freute. Und dann, was fast das Schlimmste war, wurde die Eintracht zur grauen Maus.

Eineinhalb Jahrzehnte ging das weiter so, einzig Jan Åge Fjørtofts Übersteiger zum Klassenerhalt 1999 und der Aufstieg 2003 am letzten Spieltag waren spektakulär, ansonsten: Mühen einer sehr flachen Ebene. Ich ging nicht davon aus, dass sich das Bleierne, das den Verein mittlerweile umgab, wieder verziehen würde. Mittlerweile war ich Journalist geworden, und fragte in einem Interview Frankfurts Marc Stendera mal, ob Fußballclubs so etwas wie eine DNA haben? "Sie fragen Sachen", antwortete er, aber ich fand die Frage berechtigt. Die unbesiegbaren Schnöselbayern. Die irgendwie vergeblichen Schalker. Meine Eintracht, die im entscheidenden Moment versagt. Das war für mich eine Gewissheit, und für viele tausend andere ebenso.

Die Wende

Allein: Es stimmte nicht. Ich habe mich zum Glück geirrt. Fußballclubs können sich verändern. Manchmal dauert es Jahre, etwa beim HSV. Manchmal aber reicht ein einziger Sprint.

Es war der 19. Mai 2018, im Pokalfinale. Es hat in jenem Moment niemand wissen können, aber als Mijat Gaćinović seine 70 Meter in die Ewigkeit rannte, da schüttelte die Eintracht mit dem Sieg über die Bayern nicht nur den Fluch der chronisch erfolglosen Truppe ab und gewann im Berliner Olympiastadion den DFB-Pokal.

Dieser Sprint war der Urknall. Acht, neun Sekunden mit 30 Jahren Anlauf, aufs leere Tor der Bayern und auf die Frankfurter Fankurve zu. An diesem Abend im Mai, mitten in diesem unverhofften Goldregen, wurde die Eintracht ein anderer Club.

Eine wohltemperierte, glückselige Überforderung

Seitdem gingen einige Spieler, auch der Trainer, andere kamen. Und sonst? Ist alles anders. Die Mannschaft marschiert durch die Europa League, als wäre sie dort Stammgast, versohlte Donezk, Marseille und Mailand. Und das vor der Kulisse gigantischer Choreografien, die europaweit ihresgleichen suchen. In 30 Kinos im ganzen Land läuft ein Film über den Pokalsieg, über 30.000 Tickets wurden verkauft. Eine neue Geschäftsstelle wird gebaut, 35 Millionen Euro teuer. "Wir boomen", sagt SGE-Vorstand Axel Hellmann in jedem Interview, und er hat Recht! "Erfolg macht sexy", sagte zuletzt der Trainer Adi Hütter. So heiß wie die Eintracht ist gerade keiner.

Wer will, kann sich derzeit in hessischen Supermärkten ein Eintracht-Frankfurt-Stickeralbum kaufen. Das heißt, wenn man noch einen Supermarkt findet, in dem es nicht bereits ausverkauft ist. Verdammt, es kommt einem vor, als sei es nur eine Frage von Wochen, bis im H&M neben den Metallica- und Nirvana-Shirts auch Eintracht-Frankfurt-Shirts hängen. 

Was geschieht hier?

Eintracht-Fan zu sein, das bedeutet derzeit eine wohltemperierte, glückselige Überforderung zu erleben. In Frankfurt, so heißt es, sind die Wartezimmer der Augenärzte vollbesetzt. Weil sich so viele Menschen so beharrlich die Augen reiben müssen.

Die neue Dynamik des Klubs treibt mitunter eigenartige Blüten: Stürmer Sébastien Haller und Sportvorstand Fredi Bobic machten einen Parabelflug, um das erste Tor in Schwerelosigkeit zu schießen. Wäre die Eintracht nicht so erfolgreich, würde man zurecht sagen: Die spinnen. İlkay Gündoğan twitterte nach dem 4:1 gegen Donezk: "Glückwunsch an Eintracht Frankfurt! Macht Spaß, euch zuzuschauen!" İlkay Gündoğan guckt Eintracht Frankfurt! Ich bin mir sicher, dass er die Eintracht nicht mal richtig kannte, als er noch gegen sie in der Liga gespielt hat.

Die astronomischen Summen, die aktuell im Zusammenhang mit Spielern aus Frankfurt kursieren, machen mich etwas ratlos. 60, 70, 80 Millionen, für Luka Jović, Sébastien Haller und Ante Rebić, angeblich geboten von den Bayern, Barca und Paris. Wie viele Gerd Wimmers oder Serge Brancos man davon wohl hätte kaufen können? Und was würde ein Anthony Yeboah wohl heutzutage kosten, inflationsbereinigt und mit intaktem Kreuzband? Ist dies der Punkt im Leben eines eher hergeschenkten Fanseins, da der aktuelle Kader erstmals besser ist als jener voller alter Helden, an die man einst fahrlässig sein Herz hängte? Ist es vielleicht tatsächlich so?

Nicht viel mehr als das Ausloten des aktuellen Tiefpunkts

Tja, will man wieder sagen, so fühlen sich also Luxusprobleme an. Kannte man in Frankfurt auch noch nicht. Mittlerweile hat man als Eintrachtler so viel Zutrauen in die Fähigkeiten von Fredi Bobic, dass man sich fast sicher ist: Die machen ihren Job schon vernünftig. Und das in Frankfurt, wo es heißt, dass die Detari-Millionen noch immer irgendwo im Stadtwald vergraben sind und Kündigungen früher gern mal einfach durchs Klofenster zugestellt wurden.

Vertraut hat man als Eintracht-Fan in den vergangenen 25 Jahren allerhöchstens darauf, dass es im entscheidenden Moment wieder schief geht. Jetzt denkt man sich: Die werden schon den nächsten Jović bald ausbuddeln. Und der kommt dann ins nächste Stickeralbum, vielleicht neben den nächsten Pokal, im Mai ist schließlich Europacup-Finale.

In jener Saison, 2000/2001, in der ich als Teenie sämtliche Hoffnungen fahren ließ, dass die Dinge irgendwann wieder besser laufen würden, stieg die Eintracht am Ende tatsächlich ab. Es folgten Spiele in Meppen und, noch schlimmer, Fußballübertragungen auf DSF. Fansein war für Eintrachtler lange Zeit nicht viel mehr als das Ausloten des aktuellen Tiefpunkts.

Auch deshalb genießt die Anhängerschaft die Gegenwart vielleicht mehr als das anderswo der Fall wäre. Alles scheint entschädigt, jedes Versagen in Rostock, jeder Nackenschlag in Meppen, jeder Gerd Wimmer oder Serge Branco. Wobei jene beiden Spieler vielleicht gar nicht so schlecht waren, wahrscheinlich waren sie einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Und zumindest Branco würde sich extrem gut auf einem Eintracht-Shirt im Neunziger-Look an einer H&M-Kleiderstange machen. Ich bin mir sicher: Es wäre in Windeseile ausverkauft.