Vielleicht können Fans ja doch Tore schießen. Wie sie mit ihren 40.000 schwarz-weißen Fähnchen wedelten und dabei minutenlang vom Europapokal sangen, als die Mannschaften auf den Platz kamen. Wie sie ihre Mannschaft nach vorne krakeelten, ohne Pause, nicht nur die Ultras in der Kurve, sondern auch die Haupttribüne, die Gegentribüne, alle. Und wie sie nach dem Schlusspfiff einfach nicht nach Hause gingen, sondern sangen und hüpften und mit ihrer Mannschaft feierten, so sehr, dass der Rechtsaußen Danny da Costa, der zwischendurch zum TV-Interview zitiert wurde, nach der zweiten Frage abbrach und schleunigst wieder zurück in die feiernde Menge wollte.

Eintracht Frankfurt hat also Benfica Lissabon aus der Europa League geworfen. Nach dem 2:4 im Hinspiel gewann sie 2:0. Die Eintracht ist der letzte verbliebene deutsche Club im Europapokal. Nun wartet im Halbfinale der FC Chelsea und es ist gar nicht so einfach zu sagen, was eher da war: der sportliche Erfolg oder die Euphorie der Fans. Eine Henne-Ei-Frage, die in Frankfurt auch gar nicht unbedingt aufgelöst werden muss. Fraglos ist, dass die Eintracht und ihre Fans sich seit etwa einem Jahr in einem Zustand der Dauerekstase befinden: Qualifikation für die Europa League, Pokalsieg gegen die Bayern, nun vielleicht bald die Champions League und vielleicht ja sogar ein europäisches Finale.

Hütter: "Wir haben die Leidenschaft"

"Das ist ein Highlight nach dem anderen", sagte da Costa. "Wir durften wieder einen überragenden Europa-League-Abend feiern", sagte sein Trainer Adi Hütter. "Wir haben die Leidenschaft, die Begeisterung, die Emotion vom Publikum mitgenommen. Wenn man sich zum Beispiel diese Choreografie zu Beginn des Spiels anschaut, ist man verpflichtet, dass man 90 Minuten rauf und runter läuft."

Im Herzen von Europa. Das ist nicht nur der Titel der tollen Eintracht-Hymne, intoniert übrigens vom Frankfurter Polizeiorchester, sondern das war auch das Motto der Choreografie. Ein großer Pokal war darauf zu sehen und die Vorfreude auf dieses Spiel zu spüren. Wie sie sich überhaupt schon seit Langem auf jedes Spiel freuen in Hessen: Auch das Gruppenspiel gegen die Fußballzwerge Apollon Limassol aus Zypern war ausverkauft. Frankfurt hat Bock auf diese Europa League, im Gegensatz zu einigen anderen deutschen Mannschaften der vergangenen Jahre, die so lustlos vor halb leeren Rängen kickten, dass man sich fragte, warum sie sich in der Saison zuvor eigentlich so angestrengt hatten, um sich für ebendiese Europa League zu qualifizieren.

Eine Mannschaft für alle

Nicht so die Eintracht. Keine deutsche Mannschaft macht derzeit so viel Spaß wie sie. Nicht nur den Frankfurtern. Für gewöhnlich sind sich Fußballfans in herzlicher Abneigung verbunden, die Eintracht aber scheint eine Mannschaft zu sein, die gerade von allen gemocht wird. Eintracht-Fans werden von so ziemlich allem um ihre jüngsten Erlebnisse beneidet, einige müssen gar lange Texte schreiben, um zu verstehen, was da gerade um sie herum passiert. Möglicherweise ertappt sich gar der ein oder andere Offenbacher in diesen Tagen beim Daumendrücken. Aber was macht die Eintracht eigentlich gerade richtig?

Die Antwort ist einfach: so ziemlich alles. Die Eintracht-Verantwortlichen sind mutig. Sie äußern sich und agieren politisch, was viele andere, in Zeiten, in denen das Land gespalten wird, nicht wagen. Eintrachts Präsident Peter Fischer aber positionierte sich gegen AfD-Mitglieder in seinem Verein. Unmittelbar vor dem Spiel bekannte sich der Sportdirektor Fredi Bobic via Twitter zu einem starken Europa. Die Eintracht traut sich was.