"Wir müssen so spielen, wie die Menschen hier arbeiten" – Seite 1

Frank Schmidt ist seit 2003 in Heidenheim, erst als Spieler, seit 2007 als Trainer, vor Kurzem wurde sein Vertrag bis 2023 verlängert. Kein aktueller Trainer im deutschen Profifußball blieb seinem Verein länger treu, und umgekehrt. Der 45-jährige führte die 50.000-Einwohner-Stadt von der Oberliga in die zweite Liga und spielt derzeit um den Aufstieg. Heidenheim an der Brenz liegt auf der schwäbischen Alb, ziemlich genau im Dreieck zwischen München, Nürnberg und Stuttgart. Die Voith-Arena thront neben dem Schloss Hellerstein über der Stadt in einem Wäldchen, nebenan ist ein Kletterpark und eine Greifvogelstation. Am Mittwochabend tritt Heidenheim bei Bayern München im DFB-Pokal-Viertelfinale an.

ZEIT ONLINE: Herr Schmidt, ich gehe davon aus, dass Sie, nachdem Sie Leverkusen besiegt haben, auch die Bayern schlagen wollen.

Frank Schmidt: Ich will eine Runde weiterkommen, sonst kann ich ja zu Hause bleiben. Zur Fahrt nach München gehört aber auch die Möglichkeit, dass wir unser Bestes geben und trotzdem eine Packung kriegen. Ich weiß, es wird viel Arbeit, aber ich will, dass wir uns wehren. Als ich damals mit Vestenbergsgreuth die Bayern als Spieler aus dem Pokal warf, war das in der ersten Runde. Giovanni Trappatoni war gerade neuer Trainer. Es war sein erstes Pflichtspiel. Jetzt sind die Bayern eingespielt, jetzt sind sie am besten. Das wird ein David-gegen-Goliath-Duell.

ZEIT ONLINE: Seit Jahren hält sich Heidenheim in der zweiten Liga, obwohl die meisten ihrer Kontrahenten erstmal googlen müssen, wohin die Fahrt überhaupt geht. Wie funktioniert das?

Schmidt: Wenn man so lange Trainer ist wie Christian Streich in Freiburg oder ich hier, dann reicht es nicht aus, fachlich gut zu sein. Man braucht Sozialkompetenz. Ein schöner Satz vom ehemaligen Chef unseres Hauptsponsors, der Paul Hartmann AG, lautet: "Kommunikation beginnt beim Empfänger." Das trifft es. Wenn der andere nicht versteht, was ich sagen will, bringt uns das nichts. Ich nehme mich nicht wichtiger als ich bin, versuche ein Dienstleister für die Mannschaft und den Verein zu sein. Wenn ich das vorlebe, habe ich die Mannschaft in den wichtigen Situationen bei mir. Wir reden auch über andere Dinge, lachen und weinen gemeinsam. Also das, was das Leben ausmacht. Fußball ist für mich das Leben.

ZEIT ONLINE: Trotzdem kennen Sie als Fußballtrainer nur Heidenheim. Sie sagten mal, Sie wollen der Volker Finke von Heidenheim werden. Der hält den Rekord im deutschen Fußball mit 16 ununterbrochenen Jahren in Freiburg. Juckt es Sie manchmal, es woanders zu probieren?

Schmidt: Der Verein hat immer Ziele und ist nie zufrieden, was gut zu mir passt. Ich bin ein ehrgeiziger und emotionaler Mensch. Es gab noch keinen Tag, an dem ich keinen Bock hatte. Ich hatte Angebote, aber ich fühle mich hier wertgeschätzt, also habe ich bis 2023 verlängert. Trainerkollegen loben Heidenheim. Das sei großartig, was wir leisten, und schieben hinterher: Tu dir das woanders nicht an! Es gibt auch viele, die sagen, Frank Schmidt kann nur Heidenheim. Am liebsten würde ich es beiden Lagern sofort zeigen: mein Wort halten und woanders erfolgreich trainieren. Vielleicht kommt ja nach 2023 etwas anderes, genauso kann es aber sein, dass ich meine Karriere, die ich hier begonnen habe, hier beenden werde.

ZEIT ONLINE: Der Job des Trainers hat sich, seitdem Sie angetreten sind, geändert. Kollegen beklagen eine Überbelastung. Pep Guardiola sagte zu seiner Münchner Zeit, dass er gehört habe, dass es großartige Orchester in der Stadt gebe, damit er sie sehen kann, müssten diese aber zum Trainingsgelände kommen.

Schmidt: Wir sollten aufpassen, dass wir Fußballtrainer uns nicht als diejenigen hinstellen, die am meisten arbeiten. Bescheidenheit tut uns gut. Es braucht in diesem Job Pragmatismus und ein gutes Zeitmanagement. Am Anfang hatte ich eine Siebentagewoche, weil ich davon ausging, dass ich immer da sein muss. Heute weiß ich, dass es um Lebensqualität geht, dass ich ein Auto nicht immer nur Vollgas fahren kann. Mittlerweile nehme ich mir einen freien Tag pro Woche. Ich regeneriere schnell und schlafe sehr gut. Ich habe noch nie das Gefühl gehabt, das mein Akku leer ist. 

ZEIT ONLINE: Viele kennen Sie als einen der Protagonisten aus der Dokumentation Trainer von Aljoscha Pause. Tat es Ihnen gut, Ihren Job ausführlich zu erklären?

Schmidt: Als die Kamera das erste Mal da war, habe ich entdeckt, dass ich nicht ich selbst war. Kamera in der Kabine, Tabubruch. Das änderte sich schnell. Beim entscheidenden Spiel um den Aufstieg gegen Offenbach war sich Aljoscha unsicher, ob er in diesem wichtigen Moment mit in die Kabine darf. Da musste ich ihm die Scheu nehmen. Die Spieler bestanden darauf, hielten ihn für einen Glücksbringer. Wir haben für die Doku die Hosen runtergelassen, ich glaube, das sieht man. Meine Frau hat nach der Doku gesagt, dass sie nun endlich versteht, was ich eigentlich tue. 

ZEIT ONLINE: Drehte man eine Doku über den deutschen Mittelstand, würde man auch nach Heidenheim fahren. Ihr Club hat keinen einzelnen Mäzen, keinen Investor, sondern mehr als 500 große und kleine Sponsoren, die Sie alle bei Laune halten. In der Stadt wird viel gearbeitet, erwartet man das auch von Ihnen?

Schmidt: Ja. Ich komme von hier, deshalb war mir das immer bewusst. Als ich 2003 in der Verbandsliga anfing, kamen 250 Zuschauer zum Spiel. Fast das Doppelte an Teilnehmern haben wir jetzt bei einer Sponsorenveranstaltung an einem späten Montagabend. Diese Identifikation mit dem Fußball, die ich zum Beispiel als Spieler in Aachen auf dem Tivoli erlebt habe, mussten wir erst aufbauen. Die Menschen der Region malochen die ganze Woche, viele auch am Wochenende, damit es ihnen und ihrer Familie gut geht. Dann müssen wir auch so Fußball spielen. Unser Fußball ist nicht immer schön, wir beißen aber bis zum Umfallen. Das ist unsere Arbeitsmoral, aber auch die der Menschen auf der Ostalb.

ZEIT ONLINE: Stimmt das Vorurteil, dass ihre Anhänger trotzdem eher schwarzmalen?

Schmidt: In der Vereinshymne heißt es: "Wir bruddeln uns von Sieg zu Sieg". Bruddeln bedeutet so etwas wie Schimpfen. Das Heidenheimer Glas ist halbleer. Wir führen 3:0 und ich werde gefragt, warum es nicht 4:0 ausgeht. Wir Ostälbler verzeihen aber auch schnell. Dass die Leute für den 1. FC Heidenheim aufstehen und klatschen, stolz sind, das ist vielleicht unser größter Verdienst.

"Klassenerhalt ist immer ein kleiner Aufstieg"

ZEIT ONLINE: Was auch daran liegen könnte, dass Sie eine Nische entdeckt haben und ihre Spieler fast alle aus der Umgebung kommen. Was steckt dahinter?

Schmidt: Es ist nicht mehr ganz so regional wie früher. Aber wir pflegen noch immer einen familiären Charakter mit professionellem Anspruch. Das soll ein Spieler spüren. Im Winter ist es kalt und oft neblig, man muss die raue Ostalb aushalten. Idealerweise gab es schon mal einen Berührungspunkt mit Heidenheim, was weder eine Groß – noch eine Kleinstadt, sondern eine Mittelstadt ist. Unsere Voith-Arena liegt idyllisch auf der Alb, wir haben viel investiert.

Von den Spielern erwarten wir, dass sie nicht nur Gehaltsempfänger sind. Wir identifizieren solche, die entweder bei einem Bundesligaclub den Sprung nicht direkt schaffen oder schon mal durch ein Sieb gefallen sind. Unser Kapitän Marc Schnatterer wurde beim Karlsruher SC II für zu klein bewertet. In Karlsruhe sagen heute einige sicher: Das kann ja nicht wahr sein. Nicht jeder funktioniert überall. Deutschsprachig, jung, gut ausgebildet: das ist unsere DNA.

ZEIT ONLINE: Warum interessieren Sie sich so sehr für ihre Spieler?

Schmidt: Taktik, Trainingslehre, Sportwissenschaft: Das ist das Handwerk, darin müssen wir gut sein. Die große Aufgabe ist der Umgang untereinander, die Kommunikation. Ich brauche meine Spieler. Als Trainer muss ich ein verlässlicher Partner sein, aber auch jemand, der die Richtung vorgibt, Entscheidungen trifft. Das kommuniziere ich, so gut es geht. Ich brauche Hierarchien, manche Spieler können mehr Verantwortung tragen und darüber muss man sprechen. Ich hatte Trainer, die haben nichts kommuniziert. Daraus habe ich gelernt.

ZEIT ONLINE: Wie geben Sie Ihre Eigenmotivation weiter?

Schmidt: Jeder soll alle seine Mittel immer der Mannschaft zur Verfügung stellen. Ich lebe das vor, die Spieler spüren das. Natürlich habe auch ich schlechte Tage, an denen es mir nicht so leichtfällt, das zu vermitteln. Das bedeutet aber nur, es am nächsten Tag besser zu machen. Dazu gehört auch, Fehler zu korrigieren. Spielern zu sagen, wenn ich etwas falsch eingeschätzt habe. Das ist eine Stärke, keine Schwäche. Fehler aus Leidenschaft zu machen, wegen mutiger Entscheidungen, und nicht aus Dummheit oder Faulheit.

ZEIT ONLINE: Ihre Spieler sagen, der Stil habe sich diese Saison noch mal verändert. Was ist neu? 

Schmidt: Dass wir auch gegen kompakt stehende Teams ruhig bleiben, den Ball behalten. Wir wollen uns entwickeln, einen Stil auch anpassen. Das erste Mal habe ich das letztes Jahr versucht, da hat es nicht funktioniert. Also bin ich schnell wieder zurück zum alten System. Durch gute Neuzugänge, übrigens einer aus der dritten Liga, drei aus der Regionalliga und drei Jungs aus unserem Hartmann-Nachwuchsleistungszentrum, sind wir nun flexibler. Mein Fußball ist kein Ballbesitzfußball, es soll bei mir in beide Richtungen so schnell wie möglich gehen. Wir schießen viele Kontertore, generell fallen bei uns viele Tore. Mein Ziel ist es, immer aktiv zu sein, ein Spiel nie nur zu verwalten. Aber es bleibt dabei: Die Klasse zu halten ist immer ein kleiner Aufstieg für den 1. FC Heidenheim. Der Verein und seine Sponsoren, das sind Visionäre, die die Vision haben, irgendwann vielleicht ganz nach oben zu kommen, in einer perfekten Saison die letzte Stufe auch noch zu nehmen. Das will ich niemanden nehmen. Das Ziel erste Liga gibt nicht, trotzdem wollen wir in jedem Spiel erfolgreich sein.

ZEIT ONLINE: Sie hatten mit Heidenheim fast nur Erfolg. Außer in der vergangenen Saison, als die halbe Liga im Abstiegskampf steckte und Sie waren mittendrin. Ihr Chef Holger Sanwald, der Vorstandsvorsitzende des Clubs, sagte: Den entlasse ich nicht. Und Sie sind sich sicher, dass er das auch wirklich nicht macht? 

Schmidt: Zu einhundert Prozent. Und das ist verrückt! Ich sehe ja, wie es woanders läuft. Viele retten, wenn es nicht gut läuft, ihre eigene Haut. Hier wurde ich gestärkt. Was Holger Sanwald sagt, das zählt. Meine Spieler und mein Chef wissen, dass ich deswegen nicht eine Sekunde weniger arbeite, sondern dass mich das anspornt. In Heidenheim spricht man nicht so viel übereinander, sondern lieber miteinander. Es gibt es aber noch eine Steigerung: Füreinander zu sprechen. Das macht uns stark.