Wenn Ende Mai das Finale des DFB-Pokals stattfindet, dann ist der RasenBallsport Leipzig e.V. exakt zehn Jahre und sechs Tage alt. Wie passend, mögen die Leipziger Fans denken, dass genau in diesem Jahr gute Chancen bestehen, dabei zu sein. Der Hamburger SV steht zwar noch im Weg, wenn heute Abend das Halbfinale (Anstoß: 20:45 Uhr) angepfiffen wird. Doch bei der aktuellen Form beider Mannschaften wetten wohl nur Glücksritter auf den ehemaligen Bundesliga-Dino und murmeln dabei verlegen etwas von "Pokal" und "eigenen Gesetzen".

Leipzig ist sportlich aktuell in guter Form. Beste Abwehr der Liga, den Champions-League-Platz so gut wie sicher, in diesem Jahr auswärts jedes Spiel gewonnen. Ein Teil der Erfolgsgeschichte seit jeher: Neuzugänge vom Schwesternclub in Salzburg. Heute Abend könnte Ralf Rangnick eine Mannschaft aufstellen, bei der mehr als die Hälfte der Spieler auch bei der anderen RB-Mannschaft gespielt hat. Und es deutet sich an, dass deren Anteil mehr werden könnte.

Es ist – natürlich nach der üppigen Anschubfinanzierung aus Fuschl am See – der Punkt, über den sich traditionsbewusste Fans am meisten aufregen: dieser konzerninterne Verschiebebahnhof für Fußballspieler. Dabei sollten die Vereine doch eigentlich selbstständig sein. Das hatten Verantwortliche vor dem Aufeinandertreffen von Leipzig und Salzburg in der Europa League gesagt.

Der neue Salzburg-Trainer kommt aus Leipzig

Es gibt einige Hinweise darauf, dass die RB-interne Zusammenarbeit wieder enger wird. Dass das RB-Reich, das ja nicht nur aus Leipzig und Salzburg besteht, sondern auch aus der Filiale New York Red Bulls, wächst und gedeiht und sich gegenseitig stützt. Vor rund einer Woche gab Red Bull Salzburg seinen neuen Trainer bekannt: Jesse Marsch. Er wird der Nachfolger von Marco Rose. In der branchenüblichen Pressemitteilung war von großer Freude auf beiden Seiten die Rede, der Amerikaner Marsch fühle sich geehrt und so weiter.

Doch ein Satz stach aus dem Fußballphrasenmurks heraus. "Seinen Werdegang und seine Entwicklung haben wir in den letzten Jahren intensiv verfolgt", wurde der Sportdirektor Christoph Freund zitiert. Einige Beobachter nahmen das mit Hohn auf. Was soll der Unsinn, fragten sie sinngemäß, dass ihr eure Angestellten kennt, ist doch klar. Denn Marsch ist aktuell noch Co-Trainer in Leipzig und war vorher Chef in New York .

Der Amerikaner Marsch passt perfekt ins Fußballkonzept des Brauseherstellers. Eigene Talente entwickeln, ihnen einen Spielstil im Sinne der Corporate Identity einimpfen, sie an verschiedenen Standorten großziehen, Synergien schaffen – das gilt nicht mehr nur für Spieler, sondern auch für Trainer. Von der Sprache, über das Auftreten, bis zur Transferpolitik – das RB-Imperium ist für viele Fans ein Synonym für den modernen Fußball und dessen Schattenseiten.

Neues Familienmitglied

Über Marsch sagt Leipzigs Trainer und das RB-Mastermind Ralf Rangnick: "Ich kenne ihn, seit er bei uns ist – nennen wir es mal, in der Red-Bull-Familie." Diese Familie wird bald ein neues Mitglied haben: den CA Bragantino. Sportlich in der zweiten brasilianischen Liga zu Hause, soll der Verein von Red Bull Brasil übernommen werden. "Wir glauben, dass wir gemeinsam durch Investitionen und unsere technische Kapazität auf eine höhere Stufe kommen", sagte Thiago Scuro, Vorstandsvorsitzender von RB Brasil.

Juristisch soll noch nicht alles geklärt sein, dennoch gibt es bereits Trikots im typischen Red-Bull-Design. Pikant: Oliver Mintzlaff, Geschäftsführer in Leipzig, soll an den Verhandlungen vor Ort beteiligt gewesen sein, wie mehrere Medien berichten. Rangnick sagt, ihn beschäftige das Brasilien-Investment "im Moment überhaupt nicht". Zum einen, weil eben noch wichtige Spiele im Saisonfinale anstünden und weil der Deal noch nicht unterschrieben sei. Aber Rangnick sagt auch: "Dass davon dann auch andere Standorte profitieren könnten, man da versucht Synergien herzustellen, liegt auf der Hand."