Der Mittwoch in Bremen war ein herrlicher Frühsommertag: T-Shirt-warm, die Sonne schien, Bremerinnen und Bremer saßen in den Cafés und am Deich. Die ersten Beachvolleyballer schlugen am Weserstrand auf. Es war fast windstill, das Wasser des Flusses lag ruhig da. Und doch muss Kingsley Coman, den Außenstürmer des FC Bayern, am Abend eine heftige Böe erwischt haben, als er spät im Spiel und beim Stand von 2:2 im Strafraum des Weserstadions fiel.

Er ist nicht ganz freiwillig zu Boden gegangen. Coman war soeben an Theodor Gebre Selassie vorbeigehuscht, seinem Kontrahenten vom SV Werder, und hatte sich den Ball eigentlich zu weit vorgelegt. Doch Gebre Selassie schenkte ihm ein Stößlein in den Rücken, und Coman fiel. Man muss es sich vorstellen wie einen Rempler in einer vollen Diskothek. Mehr nicht.

Der verletzte Arjen Robben, ein Meister der Strafraumtheatralik, den Coman künftig ersetzen soll, war sicher stolz, dass einer seiner Erben sein Werk fortführt. Der Schiedsrichter Daniel Siebert war sich zehn Minuten vor dem Ende sicher: Elfmeter. Eine höchst umstrittene Entscheidung, an die auch in zehn Jahren noch von Werder-Fans sehr genau erinnert werden wird. Robert Lewandowski verwandelte zum 3:2.

Es war nicht das erste und nicht das letzte Mal, dass ein Fußballspiel durch eine Entscheidung des Schiedsrichters maßgeblich beeinflusst wurde. Doch in der Ära der nachträglichen Kontrollmöglichkeit und des Gerechtigkeitsversprechens des Videobeweises war es bemerkenswert, dass diese Entscheidung vom Schiedsrichter nicht mal am Bildschirm überprüft wurde. Der Videoschiedsrichter blieb stumm, für den Mann im Keller war das Ganze wohl keine so offensichtliche Fehlentscheidung, dass er sich zum Eingreifen bemüßigt fühlte.

Der mit Livebildern versorgten Bank der Bremer war die Brisanz sofort klar. "Darüber sollten wir im Sommer reden", sagte Bremens Trainer Florian Kohfeldt und meinte, dass er Bilder sieht, die der Schiri nur erhält, wenn er einen Hinweis bekommt. "Das beeinflusst den Umgang mit den Schiedsrichtern enorm. Wir sind auch verunsichert."

Der Bayern-Trainer Niko Kovač sprach von einer harten Entscheidung. "Wenn er nicht pfeift, können wir uns nicht beklagen." Er sagte aber auch, dass sich Gebre Selassie dumm angestellt habe. Was auch stimmte. Coman sagte, er habe einen Ellenbogen gespürt. Was auch stimmte. Uli Hoeneß sagte deshalb, der Elfmeter sei klar. Was eher nicht stimmte.

Kohfeldt war sich sicher, dass in neun von zehn Fällen kein Strafstoß gepfiffen würde. Sein Kapitän Max Kruse meinte, dann könne man den Videobeweis auch abschaffen. "Mir wäre es lieber, er gibt den Elfmeter und wir hätten keinen Videoschiri", sagte Kohfeldt auch noch. Das traf es ganz gut. Das 3:2 der Bayern fügt der Debatte um den Videobeweis ein weiteres Kapitel hinzu. Kein Gutes.

Man hätte verstanden, wenn Werders Trainer deshalb vor Wut in die Weser gesprungen wäre, um abzukühlen. Doch er lächelte. Kohfeldt zeigte in der Niederlage mehr Größe, er war der Gewinner des Abends. "Es war ein 50:50-Spiel und das ist ein Riesenkompliment an uns." Das stimmt. Nur wenige Tage nach dem knappen 0:1 in der Liga trafen sich Werder und Bayern erneut und Kohfeldt schien gut vorbereitet zu sein. 

Werders Trainer hatte aus dem Spiel in München gelernt, dass er vor der Abwehr einen erfahrenen Spieler brauchte, um Bayerns diagonale Bälle abzufangen. Also zog er seinen Kapitän Max Kruse dahin, obwohl der da noch nie gespielt hatte. Aber es ging auf. In München igelte sich Werder noch ein, nun strebte Bremen nach Spielkontrolle. Es wurde ein rasantes, intensives Spiel.

Milot Rashica, das wird auch gleich noch wichtig, lief den beiden Bayern-Verteidigern Mats Hummels und Jérôme Boateng immer wieder davon, zog von außen in die Mitte. Er legte Werders beste Chance in der ersten Halbzeit auf, einen knapp verzogenen Schuss von Davy Klaassen.

Die Bayern hatten ihre besten Szenen mit Coman. Als er in der ersten Halbzeit noch weiterlief, obwohl manche Schulter ihn traf, bereitete er zwei Chancen von Thomas Müller vor, die beide nur knapp danebengingen. Als wäre Coman ein gerade zugelassener E-Roller und seine Gegner Fußgänger auf dem Bürgersteig. Überrumpelt von Tempo und Nähe.

Ein Müller-Moment

Das erste Bayern-Tor aber fiel nach einem langen Ball von Boateng auf Müller, dessen Gegenspieler Miloš Veljković ihm folgte, statt Müller ins Abseits zu stellen. Müller ging dem Ball als Einziger nach, köpfte dahin, wo er das Tor vermutete, der Ball sprang an den Pfosten und Lewandowski staubte ab. Ein Müller-Moment: in den Raum zu laufen, in dem andere nur Grasbüschel sehen, aber keine Torchance. So fiel in der zweiten Hälfte auch das 2:0. Gerade als Werder nach 64 Minuten etwas schlappmachte, nicht mehr ganz so schnell jedem Bayern-Angriff hinterherging, fiel Müller ein abgefälschter Schuss von Goretzka genau vor die Füße. Müllers Bewegung war ein Fall für die Physiker, denn er sprang ab, fiel nach hinten und versenkte den Ball trotzdem.

Wer das Spiel dadurch entschieden sah, irrte. Rashica umkurvte vor dem 2:1 Hummels, der ihn freundlich begleitete, aber nicht angriff. Als der Bremer Torjubel noch nicht abgeebbt war, etwa 60 Sekunden später, lief Rashica wieder auf Hummels zu, die Bayern hatten den Ball direkt nach dem Anstoß verdaddelt. Dieses Mal grätschte Hummels ins Leere, Rashica ging erneut vorbei und glich aus.

Im Stadion war es 90 Minuten lang richtig laut. Aber jetzt: Bier ergoss sich über die Journalisten, jeder im Stadion hatte wen im Arm. Manche fanden sich einige Reihen tiefer wieder. Doch auch dieser Bremer Jubel war kaum verhallt, als Coman nach Gebre Selassies leichter Berührung zu Boden ging.

Das Pokalspiel, das ein offener Schlagabtausch zweier ebenbürtiger Teams war, erhitzte sich immer weiter. Es schubsten sich Bremer und Münchner, aber auch Münchner und Münchner: Niko Kovač hielt den Bayern-Arzt Müller-Wohlfahrt robust zurück, der nach einem zarten Foul an Martínez aufs Feld sprinten wollte, vor allem um Zeit zu schinden. Eine bemerkenswerte Szene, der junge Trainer gegen den Guru. Kovač wollte fair sein, lobte nach dem Spiel Gegner und Publikum. Vorher hatte er gesagt: "Wenn in Bremen das Flutlicht angeht, wird es schwer." Er hat auch diesen Test bestanden und kommt dem Double aus Pokal und Meisterschaft, und damit seiner Jobgarantie auch über den Sommer hinaus, immer näher.

Die Bremer können sich am 25. Mai zurücklehnen und stolz sein auf die Hürde, die sie für Bayern München auf dem Weg ins Finale waren. "Wir wollen solche Spiele häufiger haben", sagte Kohfeldt ganz am Ende noch. Auch Stunden nach dem Abpfiff sah man noch Fans mit den Fahnen der Choreografie durchs Viertel laufen. "Glückwunsch an alle, die da waren, ich glaube das war geil", sagte Kohfeldt. Man kann ihm nicht widersprechen.