Das Gericht selbst bezeichnete den Fall als einen seiner wichtigsten. Von einer geschichtsträchtigen Entscheidung des Internationalen Sportgerichtshof (Cas) war vorher die Rede. Und tatsächlich ging es in dem Prozess um die Läuferin Caster Semenya nicht nur um Leichtathletik. Es ging um die Balance zwischen Fairplay und Ethik. Um halbwegs gleiche Bedingungen für alle, aber auch die Würde des Athleten und die Unversehrtheit des Körpers. Der Prozess berührte gar einige der tiefsten Fragen, die man sich stellen kann: Was macht eine Frau zur Frau? Nach welchen Kriterien definiert man das Geschlecht eines Menschen? Und wer darf das überhaupt? Fragen, auf die es eigentlich keine einfache Antwort gibt.

Der Cas gab trotzdem eine. Eine, die auf einem Urteil basiert, das in sich widersprüchlich ist. Und eine, die sich auch über wissenschaftliche Zweifel hinwegsetzt: Mit 2:1 Stimmen hat der internationale Sportgerichtshof am Dienstag den Einspruch von Caster Semenya gegen eine Testosteronobergrenze abgelehnt. Semenya, aktuell die beste 800-Meter-Läuferin der Welt, wird ihren hohen Testosteronspiegel durch Medikamente senken müssen, will sie noch an internationalen Wettkämpfen teilnehmen.

Gleiches gilt für andere Athletinnen mit "Differences of Sexual Development", also die nicht genau eingeteilt werden können in das klassische Mann-Frau-Schema. Nur so könne die Chancengleichheit und Integrität des Frauensports erhalten werden, glaubt der Leichtathletikweltverband IAAF. Der Cas nannte die Testosteron-Regel zwar einerseits diskriminierend, im gleichen Satz aber auch ein "notwendiges, vernünftiges und angemessenes Mittel". 

Wie gut ist die entscheidende Studie?

Bei der Leichtathletikweltmeisterschaft 2009 in Berlin lief Caster Semenya mit breiten Schultern und tiefer Stimme erstmals ins Blickfeld der Öffentlichkeit. Im Finale über 800 Meter gewann sie überlegen. Fernsehreporter fragten die damals 18-jährige Südafrikanerin, ob sie ein Mann sei. "Für mich ist sie keine Frau, sie ist ein Mann", sagte etwa Semenyas Konkurrentin Elisa Cusma.

Tatsächlich produziert Semenyas Körper mehr Testosteron als der ihrer Kolleginnen. Sie ist hyperandrogen. Die IAAF sah darin einen unfairen Vorteil und setzte im Jahr 2011 einen Grenzwert fest. Eine solche Obergrenze wurde nun vom Cas für rechtens erklärt, was angesichts der Historie des Falls durchaus überraschend kommt: 2015 nämlich war die hyperandrogene indische Sprinterin Dutee Chand vor dem Cas mit einer ähnlichen Klage erfolgreich. Eine Testosterongrenze von zehn Nanomol Testosteron pro Liter Blut wurde ausgesetzt. Der Cas erklärte damals, nicht feststellen zu können, dass "hyperandrogene Athletinnen einen signifikanten Leistungsvorteil haben, der ihren Ausschluss von Frauenwettbewerben rechtfertigt". Vier Jahre später fällt das Ergebnis trotz eines auf fünf Nanomol Testosteron pro Liter Blut halbierten Grenzwerts anders aus.

Eine von der IAAF in Auftrag gegebene Studie scheint diesmal den Ausschlag gegeben zu haben. Die gesammelten Daten sollen belegen, dass ein erhöhter Testosteronspiegel einen unfairen Vorteil darstellt. Drei Wissenschaftler halten die Studie jedoch für fragwürdig. Roger Pielke von der University of Colorado Boulder, der als Experte vor Gericht aussagte, sprach von 18 bis 37 Prozent fehlerhafter Daten. Einige Zeiten wurden doppelt gezählt, andere konnten keiner Athletin zugeordnet werden. Handwerkliche Fehler, die eine Studie eigentlich illegitimieren. Während die Integrität des Sports gewahrt werden soll, scheint die der Wissenschaft missachtet zu werden.