Der Cas äußerte dann auch "ernsthafte Bedenken" was die Durchführung der Regel angeht. Es sei unklar, wie mit Athletinnen umgegangen werde, deren Körper trotz regelkonformer Medikamenteneinnahme weiterhin viel Testosteron produzieren. Zudem könnten Nebenwirkungen es für manche Sportlerinnen unmöglich machen, die Regel zu befolgen. Das Gericht empfahl der IAAF sogar, Wettkämpfe über eine Meile und 1.500 Meter bis auf Weiteres von der Regel auszuschließen. Die gesammelten Daten über diese Distanzen seien nicht aussagekräftig genug.

Für Semenya, die auch über 1.500 Meter schon Erfolge gefeiert hat, ein kleiner Hoffnungsschimmer. Dass der Leichtathletikverband Semenya allerdings ein solches Hintertürchen offenlässt, ist unwahrscheinlich. "Ich weiß, dass ich schon immer ausdrückliches Ziel der IAAF-Regularien war", sagte Semenya in einer Stellungnahme am Mittwoch.

Dem Urteil zufolge kann mit Hilfe von Testosteron nun trennscharf zwischen Mann und Frau unterschieden werden. Die IAAF verneint das zwar explizit. "In keiner Weise wollen wir mit den Regulierungen das Geschlecht eines Athleten beurteilen oder infrage stellen", heißt es, bezogen auf Semenya klang das 2009 aber noch anders. "Sie ist eine Frau, aber vielleicht nicht zu 100 Prozent", sagte Pierre Weiss, damals IAAF-Generalsekretär. 

"Keiner Frau sollte vorgeschrieben werden, ihren Körper zu ändern"

Der Leichtathletikverband probiert seit fast einem halben Jahrhundert beinahe obsessiv eine Möglichkeit zu finden, Sportlerinnen das Frausein per Test zu bescheinigen oder eben abzusprechen. In den Sechziger Jahren mussten Athletinnen sogenannte Nacktparaden über sich ergehen lassen. Ihre Körper wurden dabei von Ärzten begutachtet. Ein Geschlechtschromosomentest löste diese erniedrigende Praktik ab, bis 1999 schließlich die Eindeutigkeit des Tests in Frage gestellt wurde. In der Testosteronobergrenze sieht Pielke eine klare Wiederkehr zum eigentlich antiquierten sex testing.

Sportlerinnen wie Semenya müssen also nun Medikamente schlucken, um antreten zu können. "Zwang zum Herunter-Dopen", nennt das die FAZ. Schon im vergangenen Jahr unterschrieben mehr als sechzig Sportlerinnen einen offenen Brief der Women's Sport Foundation, adressiert an den IAAF. "Keiner Frau sollte vorgeschrieben werden, ihren Körper zu ändern, um an Wettbewerben teilzunehmen", heißt es in dem Schreiben, das auch die Tennislegende Billie Jean King unterzeichnete.

Um weitere Entscheidungen ähnlicher Art wird das Gericht aber wahrscheinlich nicht mehr herumkommen. "Da das aktuelle Urteil des Cas explizit nur für wenige Laufdisziplinen in der Leichtathletik gilt, sind für die Zukunft wohl weitere Verfahren zu erwarten", teilte der Deutsche Olympische Sportbund mit. Andere Sportarten könnten nun ebenfalls auf Testosteronwerte zurückgreifen, um zwischen Mann und Frau zu unterscheiden. Oder aber der Sport erkennt irgendwann, dass diese Unterscheidung eben so klar nicht möglich und vielleicht auch gar nicht nötig ist.