Die Spitzen des Zauns schrecken sie nicht ab. Schnell muss es gehen, bevor die Polizisten mit den Schlagstöcken sie entdecken. Obwohl: die werden am Eingang gebraucht. Dort pressen sich Hunderte Fans gegen fünf verschlossene Tore, die Rollläden sind heruntergelassen. Nichts geht mehr. Während die einen also gegen die Tore hämmern und die Polizisten ihre Knüppel heben, klettern die anderen den Zaun hoch, krümmen ihre Körper um die Spitzen und springen in die Tiefe.

Warum keiner mehr reinkommt? "I don't know, it's our country", sagt ein junger Fan, lacht und rennt zum Eingang. So läuft das hier halt. Hier, in Marokko.

Während die Fußballwelt dem Champions-League-Finale in Madrid entgegenfiebert, findet auch das Finale der afrikanischen Champions League statt. Hier Tottenham gegen Liverpool, dort Wydad Casablanca gegen Espérance Tunis. Hier perfekte Organisation, ein mehrtägiges Fanfestival und die Imagine Dragons im Stadion, dort Chaos, kollektives Fastenbrechen und ein Meer voll roter Bengalos.

Wer das Hinspiel im Stadion sehen will, muss erst einmal warten. Der Ticketverkauf startet erst zwei Tage vor dem Spiel, nicht online, ohne Registrierung oder Verlosung. Am Tag vor dem Finale hat sich um 8:30 Uhr schon eine lange Schlange vor dem Vereinsgelände von Wydad Casablanca gebildet. Rechts und links vom verschlossenen, roten und mit dem Vereinswappen verzierten Tor steht je ein kleines Kartenhaus. Die hohen Mauern des Trainingsgeländes und die Palmen spenden Schatten. Schon vor Verkaufsstart stehen hier Hunderte Fans dicht an dicht zwischen der Wand und Absperrgittern. Und es werden immer mehr. Polizisten versuchen für Ordnung zu sorgen, immer wieder schubsen sie Fans aus der Schlange, die gedrängelt haben. 30 Dirham kostet das Ticket in der günstigsten Kategorie, umgerechnet etwa 2,80 Euro. Gegenüber, bei den Jungs auf den Motorrollern, werden Tickets schwarz verkauft. Nach halbherzigem Verhandeln kosten sie dort 150 Dirham, etwa 14 Euro.

Wer als Fan von Wydad Casablanca endlich ein Ticket für das Heimspiel hat, der muss reisen. Das Spiel findet nicht in Casablanca statt, das Stade Mohammed V wird gerade renoviert, sondern in der rund 90 Kilometer entfernten Hauptstadt Marokkos, in Rabat. Schon drei Stunden vor dem Spiel ist der Parkplatz vor dem Stadion ein rotes Meer. Transporter kommen an, die Tür zu den Ladeflächen ist offen, sie sind voll mit jungen Ultras, ein paar sitzen sogar auf dem Dach.

Etwas später, auf dem Vorplatz des Stade Moulay Abdallah in Rabat, ist die Sonne beinahe verschwunden. Man blickt in müde Augen, die meisten haben wohl den ganzen Tag über nichts gegessen und getrunken. Es ist Ramadan, das Spiel wird erst nach dem Fastenbrechen um 22:00 Uhr angepfiffen. Hektisch werden jetzt Decken und Fahnen auf dem Platz ausgebreitet, Essen und Trinken aus den bunten Plastiktüten geholt. Croissants, Datteln, orangefarbener Saft aus Cola-Flaschen. Dann, gegen 19:30 Uhr, klettert ein Mann auf einen Baum am Rande des Platzes. Er holt tief Luft, sein Brustkorb wölbt sich und er ruft zwei Mal "Allahu Akbar", Gott ist groß. Die Anspannung ist verflogen. Es wird gegessen, getrunken, geraucht, gebetet und gelacht. Manche Fans nutzen ihre Wydad-Fahne als Gebetsteppich.

Dann geht es in Richtung Stadion, vorbei an der ersten Einlasskontrolle, die eigentlich gar keine Kontrolle ist. Rucksäcke und Taschen werden ungesehen durchgewunken. Am Stadion dann das Chaos, alle strömen auf die verschlossenen Eingänge zu. Plötzlich öffnet sich ein Rollladen am Einlass und gibt das Drehkreuz frei. Im Tumult zerreißt ein Ordner die Karten, er hat es schwer, den Überblick zu behalten. Einmal durch das Drehkreuz, dann ist es geschafft.

Die Fans strömen in die Kurve hinter dem Tor. Von den Seiten klettern einige Anhänger über die Zäune, obwohl sie eigentlich Karten einer teureren Kategorie haben. Sie alle wollen bei den Ultras stehen. Die Ultras Winners 2005 sind die größte und einflussreichste Gruppe. Die Ultrakultur in Marokko ist eine andere als in Deutschland, nicht so verschlossen. Hier kann eigentlich jeder ein Winner sein, Tausende tragen die Fanartikel der Gruppe.

Ein deutscher Innenminister würde Herzflattern bekommen

Im Stadion erinnert nur wenig an ein Champions-League-Finale, wie man es aus Europa kennt: keine Werbestände von Sponsoren, keine Essen- und Getränkestände, kein Rahmenprogramm, keine Imagine Dragons. Nicht einmal Musik, die vor dem Spiel die Fans beschallt und auch der Stadionsprecher meldet sich kaum zu Wort.

In den Toiletten schießt Wasser aus dem Rohr eines Stehklos, es scheint niemanden zu stören. Auch auf der Tribüne legen sich vereinzelt Fans ihren Teppich auf die Stufen, um zu beten. Fliegende Händler verkaufen Wasser und Schokowaffeln, findet sich ein Käufer, werfen sie die Ware über die Köpfe hinweg, das Geld fliegt dann zurück. Zigaretten werden verkauft: "Garro, Garroooo!" Es riecht nach Haschisch.

Kurz vor dem Einlaufen der Mannschaft wird es dann laut. Richtig laut, so laut, dass man noch so oft laut schreiben könnte, es würde die Lautstärke nicht beschreiben können. Böller landen auf der Laufbahn vor der Kurve, manche werden auch in die Luft geworfen und explodieren ein paar Meter über den Köpfen. Stroboskope blitzen und so viele rote Bengalos lodern, dass ein deutscher Innenminister vermutlich Herzflattern bekommen würde. Allerdings schaffen es auch einige Bengalos und Böller, die von oben geworfen werden, nicht auf die Laufbahn, sondern nur in die ersten Reihen.