Christoph Lübbert ist Facharzt für Innere Medizin, Gastroenterologie, Infektiologie und Tropenmedizin sowie Leiter des Bereichs Infektions- und Tropenmedizin des Universitätsklinikums Leipzig.

ZEIT ONLINE: Herr Lübbert, manchmal hat man nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Was wäre Ihre?

Christoph Lübbert: Beides sind extrem unangenehme Krankheiten, über viele Jahrhunderte als Geißeln der Menschheit beschrieben. Wenn ich aber wählen müsste, würde ich die Cholera nehmen. Die wäre mir lieber.

ZEIT ONLINE: Warum?

Lübbert: Die Erkrankung ist, wenn man sie rechtzeitig erkennt, mit einer Infusionsbehandlung zu meistern. Cholera zieht den Darm so sehr in Mitleidenschaft, dass Sie zehn, 20 Liter Flüssigkeit am Tag verlieren. Das ist ein Durchfall, wie er schlimmer gar nicht geht. Aber wenn alles, was an Wasser und Salz verloren geht, wieder reinkommt, überleben Sie die Cholera ziemlich sicher. Unterstützend kommen noch Antibiotika hinzu. Am Tropf ist sie nach ein paar Tagen vorbei.

ZEIT ONLINE: Und die Pest?

Lübbert: Die Pest ist schlimmer. Da gibt es sehr schwere Verlaufsformen. Es kommt zu lokalen Entzündungen, bei der Lungenpest zum Beispiel zu einer schweren Lungenentzündung und im schlimmsten Fall zu einer Sepsis, im Volksmund als Blutvergiftung bekannt. Antibiotika helfen zwar, müssen aber rechtzeitig gegeben werden. Damit können Sie nämlich nur die Erreger abtöten. Wenn die Folgen einer Blutvergiftung aber schon die wichtigen Organe in Mitleidenschaft gezogen haben, kann man trotz Antibiotika sterben. Auch mit Therapie liegt die Sterblichkeitsrate nicht bei null. Wenn Sie gar nicht behandeln, liegt sie irgendwo zwischen 50 und 100 Prozent.

ZEIT ONLINE: Die Pest gibt es also noch?

Lübbert: Ja, es gibt immer wieder Pestherde, zum Beispiel in Madagaskar. Selbst in Nordamerika, zum Beispiel im Südwesten der USA, sind Präriehunde oder Eichhörnchen, Murmeltiere und andere Nager noch immer ein Reservoir für Pestbakterien. Ab und zu springt es auch auf die Menschen über. In den USA gibt es jedes Jahr zehn bis 20 Pestfälle.

ZEIT ONLINE: Aber nicht zu vergleichen mit dem Mittelalter.

Lübbert: Man muss davon ausgehen, dass im 14. Jahrhundert ein Drittel aller Europäer an der Pest gestorben ist, fast 25 Millionen. So etwas hat es danach nie wieder gegeben. Damals ging es vor allem um die Beulenpest. Man geht davon aus, dass der Motor für die Pest in Europa und Asien der vergangenen Jahrhunderte infizierte Nager waren, also Ratten, und es irgendwann über Flöhe auf den Menschen übergesprungen ist. Wobei viele sagen, dass die Kleiderläuse vielleicht noch entscheidender waren. Man muss sich natürlich fragen, warum in manchen Bevölkerungsschichten 50 Prozent der Menschen gestorben sind, obwohl diese Krankheit zunächst nur eine lokale Entzündung war. Wahrscheinlich war der Gesundheitszustand der Bevölkerung sehr viel schlechter, also der Ernährungszustand, die Immunfunktion und so weiter.

ZEIT ONLINE: Wo tritt die Cholera noch auf?

Lübbert: Vor allem in den ärmsten oder krisengeschütteltsten Ländern. In Haiti war das nach dem großen Erdbeben von 2010 ein Thema. Gerade zum Beispiel im Jemen, wo ein schrecklicher Krieg herrscht – dort sollen bereits mehr als eine Million Menschen infiziert und auch mehrere Tausend gestorben sein. Cholera ist eine Markerkrankheit für Situationen, in denen es drunter und drüber geht. Wenn die Menschen keinen Zugang zu Infusionen haben, sterben bis zu 70 Prozent der Infizierten.

ZEIT ONLINE: Wie steckt man sich mit Cholera an?

Lübbert: Durch Schmierinfektion. Also: Einer erkrankt, der scheidet das aus. Dazu dann extrem schlechte Hygienebedingungen und das Wasser und die Nahrung, die Sie zu sich nehmen, ist kontaminiert. Zum Beispiel in Flüchtlingslagern ohne richtige Wasseraufbereitung oder funktionierende Latrinen, in solchen Situationen wird das sofort epidemisch. Wenn Sie aber in Ihrem Büro mit modernen Toiletten einen Kollegen hätten, der die Cholera hat, müsste schon viel passieren, dass Sie es auch kriegen.

ZEIT ONLINE: Wie sehr leidet man mit diesen Krankheiten?

Lübbert: Man fühlt sich bei beiden hundsbeschissen und sterbenskrank.

ZEIT ONLINE: Es gab früher mal einen Schlager, "Schnaps ist gut für Cholera". Stimmt das?

Lübbert: Nein, es gab auch mal den Spruch, Gin Tonic helfe gegen Malaria. Theoretisch ja, Sie müssten bloß so viel Chinin in den Getränken zu sich nehmen, dass man permanent fast tödlich besoffen wäre.

ZEIT ONLINE: Kann man auch beides haben, Pest und Cholera?

Lübbert: Theoretisch ja.

ZEIT ONLINE: Wissen Sie, woher dieser Spruch von Pest und Cholera kommt?

Lübbert: Ich hab's gegoogelt, aber nichts gefunden.

ZEIT ONLINE: Sonst noch was?

Lübbert: Ja, ich mag nicht, wenn es beim Fußball nur noch ums Geld geht.