Es war nicht leicht, die Stimmung aus den vergangenen Runden zu übertreffen, doch die Frankfurter Fans schafften es. Als die Mannschaften einliefen, entrollten sie eine riesige gemalte Blockfahne, die sich wie eine Lawine über die gesamte Nordwestkurve erging. Auf ihr: Slogans aus der Szene, die Solidarität mit Stadionverbotlern ausdrückten, und die Namen der Fanclubs wie der Binding Szene oder Ragazzi Ultras.

"Europacup, Europacup, Europacup, Europacup in diesem Jahr!", schmetterten sie im ganzen Rund minutenlang, dass man fürchten konnte zu ertauben. Was im Frankfurter Waldstadion in dieser Saison los ist, ist ohne Vergleich in Deutschland. In Sachen Lautstärke kommen in Europa wohl nur Stadien in der Türkei heran. Während des Spiels wurde es selten leiser, der Heimelf wird auch in schwachen Momenten enormer Support zuteil und der Gegner bei Ballbesitz ausgepfiffen.

Es war der übliche Wahnsinn, die Eintracht spielte gewohnt leidenschaftlich und bestand selbst gegen den großen FC Chelsea. In einem spannenden und intensiven Halbfinale ging die Eintracht in Führung, geriet dann zwar schwer in die Defensive, doch kam am Ende sogar dem Sieg nahe. Nach dem 1:1 im Hinspiel ist für Frankfurt alles drin in der Europa League.

Sie sind das Überraschungsteam dieser Europapokalsaison. Sie begeistern sich und andere, selbst Dortmunder Fans schauen mit Neid nach Hessen, sogar manch Bayernfan drückt die Daumen. Inter Mailand, Olympique Marseille oder Benfica Lissabon hat die Eintracht aus dem Weg geräumt, doch im Halbfinale trifft sie auf den großen, reichen FC Chelsea. Also erstmals auf ein Team aus einer der zwei weltbesten Ligen aus Spanien und England. 

Würdiger Halbfinalteilnehmer

Die Frage vorher war: Würde die Eintracht diesmal an ihre Grenze stoßen, auch weil zwei ihrer drei Stürmer nicht dabei sein konnten, Sebastién Haller verletzt, Ante Rebić gesperrt? Sollte bereits das Hinspiel das Aus aller Hoffnung bedeuten?

Die Elf von Adi Hütter gab die Antwort: nein. Sie erwies sich als würdiger Halbfinalteilnehmer, weniger in spielerischer Hinsicht, mehr in kämpferischer. So war es die Eintracht, die im ersten Teil der ersten Halbzeit die Initiative ergriff. Sie näherte sich einige Male dem englischen Tor, bis die zwei besten Frankfurter das Tor machten.

Der Serbe Filip Kostić flankte auf seinen Landsmann Luka Jović und der Torjäger braucht nicht viel für einen Treffer. Tief in den Knien setzte er aus immerhin gut zwölf Metern Entfernung einen Kopfball an den Innenpfosten, von dort rollte er ins Netz. Der folgende Lärm war so laut, wie er am nah gelegenen Flughafen nicht größer sein kann. Beim wilden Jubelknierutscher hob Jović vom Boden ab, wie ein Formel-1-Bolide, der zu viel Luft unter den Boden bekommt.

Chelsea war vom 1:0 durchaus beeindruckt, zeigte nun aber seine technische Überlegenheit. N'Golo Kanté überragte im Mittelfeld, immer wieder trugen Willian und Ruben Loftus-Cheek mit schnellen Läufen die Angriffe nach vorne. Frankfurt hielt dagegen, doch als die Führung fast zur Pause durchgebracht war, traf Pedro, Chelseas Bester im ersten Durchgang, nach einer Ecke zum 1:1. Es war ein gerechtes Resultat.

In der Pause spielte die Stadionregie die Ode an die Freude, ein Ja zu Europa, das in Frankfurt sportlich, aber auch politisch gemeint ist. Dann folgt Rock-'n'-Roll von Led Zeppelin, eine altersgemäße Beschallung für die meisten Eintracht-Fans. "It's been a long time since I rocked and rolled", schreit Robert Plant. Es ist auch lange her, dass die Eintracht Europa rockte und in einem internationalen Finale stand. 1980 war das und sie gewann es auch. Dieses Jahr könnte sie wieder dran sein, die Zuversicht der Zuschauerinnen und Zuschauer ist nach den ausgeglichenen 45 Minuten nicht kleiner geworden.

Doch nun begann die schwere Phase. Chelsea übernahm das Kommando, halbzeitübergreifend zählte man 13 Schüsse hintereinander, ohne dass die Eintracht einen davon gehabt hätte. Ihre Elf versteht das Ganze weniger als fein austariertes Kombinationsspiel, mehr als eine Aneinanderreihung von Zweikämpfen. Ihr finessenfreies Mittelfeld kann den Gegner selten vom Strafraum weghalten und ist am Ball beispiellos unterlegen. Jović zum Beispiel kann Kostić mit Pässen nicht so einsetzen wie umgekehrt.

Und Chelseas Brasilianer David Luiz gelang ein ähnlicher Freistoß wie im Viertelfinale der WM 2014, als er gegen Kolumbien ein Tor schoss. Diesmal war es die Latte. Der französische Weltmeister Olivier Giroud, eine Schwachstelle im Chelsea-Sturm, wurde in der Phase nach dem Wiederanpfiff in Ansätzen gefährlich. Auch der eingewechselte Eden Hazard kam zum Schuss. Dass der belgische Star nicht in der Startelf stand, wird das beherrschende Thema der englischen Presse.

Lange schien es, als könnte Frankfurt im besten Fall das 1:1 verteidigen. Doch mit der späten Hereinnahme von Gonçalo Paciência gelang Hütter eine Wendung. Die Eintracht fand in den letzten zehn Minuten ins Spiel zurück und der Portugiese verpasste sogar noch eine Vorlage des Publikumslieblings Danny da Costa knapp, wobei er wohl im Abseits stand.

Letztes Heimspiel der Europa-League-Saison

Dann stieg der ohnehin hohe Pegel nochmals. Nach einer Ecke ließ die Abwehr der Engländer David Abraham aus sechs Metern frei köpfen. Doch der Ball flog über das Tor, der Frankfurter Kapitän sank vor Enttäuschung in die Knie. Hütter und Tausende hessische Kehlen mussten sich den Torschrei verkneifen. Es war die beste Frankfurter Chance im ganzen Spiel.

Weil sie ungenutzt blieb, musste die Eintracht das Ergebnis bis zum Ende verteidigen. Mit der üblichen Mischung aus Mentalität und Adrenalin gelang ihr das, mit Temperament und Teamgeist sowie einer Heißblütigkeit, bis der Main in Flammen steht. Mehrere Jungs im Eintracht-Hemd waren von Krämpfen gezeichnet. Diese Art der Verausgabung, dieser Fußballstil, der sich nicht unwesentlich von den anderen Halbfinalteilnehmern aus Europa und Champions League unterscheidet, gefällt jedem Fan. Dem deutschen besonders.

Das letzte Heimspiel dieser famosen Europa-League-Saison war zu Ende, die Eintracht blieb in dieser Saison zu Hause ungeschlagen, aber mit dem Abpfiff endeten Beifall, Ovationen und Gesänge der völlig euphorischen Hessinnen und Hessen noch lange nicht. 15 Minuten später stand die Mannschaft und der Stab vor der Kurve. Die sang Im Herzen von Europa, den Schunkelmarsch von der Eintracht vom Main, im Original gesungen vom Polizeichor Frankfurt a. M.: "Nur Du sollst immer siegen."

Diesen Auftrag nehmen die sichtlich gerührten Spieler mit nach London, wo am Donnerstag das Rückspiel stattfinden wird. Und am besten gleich mit nach Baku, zum Finale am 29. Mai.