Um es vorwegzunehmen: Die Idee ist nobel. Jeder der 55 Uefa-Mitgliedsverbände darf sich um ein Endspiel der beiden großen europäischen Pokalwettbewerbe bewerben. Ein Champions-League-Finale in Tirana könnte grundsätzlich genauso möglich sein wie ein Endspiel der Europa League in Gibraltar. Der Fußball, so will es die Uefa, soll für alle da sein.

Doch im aktuellen Fall ist etwas ziemlich schiefgelaufen. Die Uefa hat im September 2017 entschieden, das Finale der Europa League in Baku spielen zu lassen. In Aserbaidschan also, dem Land, dem seit Jahren unter anderem Menschenrechtsverletzungen und die Unterdrückung der Opposition vorgeworfen werden. Sollte man diesem Regime eine der größten Bühnen bieten, die der Fußball hat?

Einfluss auf das Endergebnis

Fußballverbände beweisen in solchen Fragen seit jeher eine erstaunliche Flexibilität. Doch das Finale am kommenden Mittwoch zwischen Chelsea und Arsenal hat eine neue Qualität. Es erwächst ein Skandal, den sich die Uefa selbst geschaffen hat. Sie hat den Verlust eines essenziellen Wesensmerkmals einer solchen Veranstaltung in Kauf genommen: die Sicherheit der Spieler garantieren zu können.

Der Armenier Henrich Mchitarjan von Arsenal wird nicht mit nach Baku reisen. Er verzichtet aus Sicherheitsgründen. Fernab früherer moralischer Debatten, ob zum Beispiel ein Autorennen in Bahrain stattfinden sollte oder Olympische Spiele in Peking, nimmt die Vergabe direkten Einfluss auf den Sport an sich. Sie nimmt Einfluss auf das Endergebnis. Arsenal wird im Finale der Uefa geschwächt sein. Auch wegen der Uefa.

Armenien und Aserbaidschan unterhalten wegen des Konflikts um Bergkarabach keine diplomatischen Beziehungen. Die Reise wäre für Arsenals wichtigen Mittelfeldspieler zu gefährlich gewesen. Die Uefa sagt, sie habe zusammen mit der Regierung in Aserbaidschan einen Sicherheitsplan ausgearbeitet, es sei Mchitarjans Entscheidung, nicht anzureisen. Und der Botschafter von Aserbaidschan in London, Tahir Taghizadeh, gab schon vorher zu bedenken: "Sie, Herr Mchitarjan, Sie werden als Fußballer bezahlt und nicht als Politiker. Also lassen Sie uns diese Themen beiseitelegen."

Nur warum sollte er das tun? Warum muss ein Spieler sich für ein Finale überhaupt Gedanken um seine Sicherheit machen? Er verzichtete schon 2015, als er mit Borussia Dortmund gegen den FK Qäbälä in Aserbaidschan hätte antreten sollen und auch in dieser Europa-League-Saison, als Arsenal gegen Qarabağ Ağdam antrat. Man hätte wissen können, was kommt. Es ist ein Unfall in Zeitlupe. Nun hat die Uefa Pech gehabt, dass der bekannteste Armenier es ins Europapokalfinale schafft. Im kommenden Jahr richtet Aserbaidschan übrigens vier Spiele der Europameisterschaft aus.

Wen interessieren schon die Fans?

Die Sache ist nicht einmal das einzige Problem Bakus, das trotz der Transparenzoffensive der Uefa bei der Vergabe auch in anderer Hinsicht seine Untauglichkeit für dieses Finale bewiesen hat. Weil der Flughafen pro Tag nur 15.000 Passagiere abfertigen kann, werden die beiden Finalteilnehmer aus London jeweils nur 6.000 Tickets erhalten. Für ein Stadion, dass über 70.000 Zuschauerinnen und Zuschauern Platz bietet. Das sind weniger Fans pro Team als bei manchem deutschen Regionalligaspiel. In einem der wichtigsten europäischen Endspiele des Jahres.

Man muss Eintracht Frankfurt fast beglückwünschen, sich diesen Reinfall erspart zu haben. Nicht jeder Verein wird von Zehntausenden Anhängerinnen und Anhängern begleitet. Doch die Planungen für Baku entpuppen sich als Farce. Die Uefa hat offenbar nicht damit gerechnet, dass ihre eigenen Spiele noch besucht werden.

So lässt sie ihr Finale an einem Ort spielen, der schwer zu erreichen ist und den nicht alle Spieler betreten können, weil sie sich nicht sicher fühlen. Und: Damit die TV-Zuschauer in Zentraleuropa um 21 Uhr zusehen können, beginnt das Finale um 23 Uhr Ortszeit. Es wird also nicht vor halb zwei in der Nacht zu Ende sein. Aber wen interessiert das schon?

Noch ist keine Sekunde gespielt, aber es ist schon jetzt ein unwürdiges Finale.