Über den Österreicher Martin Hinteregger schrieben einige Frankfurter Fans einen Song. "Mit rohem Fleisch startet er den Tag, sein bester Trick, das ist der Pressschlag." Die Fans nennen sich die Hinti Army, weil der blonde Hüne, Verteidiger der Eintracht, sie an einen Krieger erinnert, mit dem sie durch Europa ziehen.

Bis nach London ins Halbfinale kamen sie. Hinteregger machte dort gegen Chelsea ein fantastisches Spiel, vor allem in der Verlängerung war er unüberwindbar. Er hieb Bälle weg, köpfte, trat, zerrte und riss zwei Stunden lang am Stürmer Olivier Giroud. Der weiß nun Hintereggers Eau de Toilette, das bestimmt nicht süß riecht. Selbst wenn Chelsea einen der roten Londoner Doppeldecker ins Rennen geschickt hätte, Hinteregger hätte ihn zum Duell gefordert und gewonnen.

Doch auch Krieger werden zum Menschen, wenn sie am Elfmeterpunkt in einem Europapokalhalbfinale stehen. Dann reduziert sich die Komplexität des Fußballs auf eine simple Sache: einen Ball aus elf Metern am Torhüter vorbeizubekommen. Hinteregger war im Elfmeterschießen Frankfurts vierter Schütze. Er hämmerte den Ball flach in die Mitte, doch Chelseas Keeper Kepa hielt sein Knie hin, der Ball blieb kurz vor der Linie liegen. Dann verschoss Gonçalo Paciência und Frankfurt verpasste das erste Europapokalfinale seit 39 Jahren.

Auch beim FC Chelsea zelebrierte Eintracht Frankfurt die Europa League mit einem großen Kampf. Dann scheiterte die Elf auf die knappste Weise. Zurück bleiben Enttäuschung, aber auch Dank und Stolz.


Spanische Vereine kamen in der letzten Dekade auf 30 Halbfinalteilnahmen in den beiden europäischen Wettbewerben. England liegt mit 15 Semifinalisten vor Deutschland (11). Jeder Titelgewinn ist mit einem C markiert.

Spanische Vereine kamen in der letzten Dekade auf 30 Halbfinalteilnahmen in den beiden europäischen Wettbewerben. England liegt mit 15 Semifinalisten vor Deutschland (11). Jeder Titelgewinn ist mit einem C markiert.

Nicht in der Grafik: Ukraine mit zwei Halbfinalisten sowie Österreich, Schweiz,Türkei mit jeweils einer Teilnahme © ZEIT ONLINE

Vor diesem Spiel war es wie häufig in dieser Saison: Den Frankfurtern traute man es eigentlich kaum zu. Sie hatten beim 1:1 im Hinspiel arg lange Rettungsschwimmen veranstalten müssen, Chelsea war schneller, besser, intelligenter. Am Sonntag ging Frankfurt zudem in Leverkusen 1:6 unter.

Zunächst schienen sich die Kräfteverhältnisse zu bestätigen. Zwar hatte die Eintracht die erste Chance im Spiel, Danny da Costa zog mit dem Innenspann direkt aufs Tor. Doch dann sah man Chelseas Klasse. Eden Hazard, einer der besten und wechselwilligsten Fußballer der Welt, durchschnitt in seinem wahrscheinlich letzten Heimspiel für Chelsea jede Abwehrlinie. Bekam er den Ball, sah es so aus, als würde er ihn in einem Safe verstecken.

Die erste von ihm initiierte Chance verhinderte Frankfurts Kevin Trapp. Doch als sich Hazard dreimal um den Eintracht-Kapitän David Abraham drehte, ohne dass der wusste, wie ihm geschah, und Ruben Loftus-Cheek Sebastian Rode in dessen Rücken weglief, fiel das 1:0. Es war verdient, Chelsea bereitete besonders den Außenverteidigern der Eintracht heikle Szenen. Frankfurt hielt bis zur Pause durch und das Chelsea-Tor änderte an der Ausgangslage nicht viel. Frankfurt musste nach wie vor ein Tor schießen.

Dies gelang nach dem Wechsel bald. Ein Tor, wie es im Frankfurter Lehrbuch steht. Makoto Hasebe, einer der besten Frankfurter, schlug einen langen Pass auf Luka Jović. Der ließ mit der breiten Brust eines der umworbensten Talente in Europa auf Gazinovic prallen. Und weil Jović' Gegner, David Luiz aus Brasilien, einen 1:7-Moment hatte und einen unverständlichen Schritt nach vorne unternahm, musste Gazinovic nur auf Jović passen: Ausgleich.

Bemerkenswert war, dass Ante Rebić schon im Moment der Ballannahme von Jović die Arme zum Jubel hochriss. Er war sich sicher, dass sein serbischer Kollege den Ball versenken würde.

Einer der typischen Eintracht-Momente. Wenn man überlegt, wie es dieses Team mit einer recht simplen Spielidee so weit gebracht hat, fällt einem diese kaum zu bändigende Stürmerreihe ein. Auch wenn man gegen Chelsea sah, warum alle von ihnen eben noch Grenzen haben. Gazinovic verdaddelte in der ersten Hälfte viele Bälle und unterbrach damit den Spielaufbau. Jović und Rebić waren oft nur Sekunden am Ball, dann war ein Chelsea-Verteidiger zur Stelle.

So wurde es immer wilder. Beide Teams machten langsam schlapp, für Chelsea war es das 61. Spiel der Saison, für Frankfurt das 48.. Frankfurt drängte nun mehr, Fouls häuften sich, ein Indiz für schwindende Kräfte. Chelseas Kapitän César Azpilicueta hatte Glück, dass er nach einem rüden Tackle weiterspielen durfte. Und bei der Eintracht sah traditionell die halbe Mannschaft die Gelbe Karte. Sebastian Rode zog sich eine Knöchelverletzung zu, gleich drei Helfer stützten ihn. Später hinkte er auf Krücken ans Feld.