Es war Franz Beckenbauer, der in den Siebzigern den Libero cool und erfolgreich machte. In den Achtzigern sah man den Kinderstar Tommi Ohrner in der populären Serie Manni, der Libero. Der letzte seiner Art war Lothar Matthäus in der Spätphase. Doch irgendwann war diese Kultposition ein Auslaufmodell, angestaubt, altfränkisch, überflüssig. Ende der Neunziger war der Libero das Arschgeweih des Fußballs.

Der Libero hieß, übersetzt, freier Mann, weil er ein Verteidiger war, der nicht verteidigte, nicht direkt zumindest. Er sah sich nämlich keinem Gegenspieler gegenüber, fürs Grobe hatte der Silberrücken seine Leute. Meist war der Libero ein bisschen älter und langsamer, auch sprang er nicht so hoch und war im Durchschnitt etwas zarter als seine Nebenmänner. Dafür hatte der Routinier mit dem Gefühl im Fuß und dem stabilen Statusbewusstsein alles im Blick. In der Bezirksliga, wo er bisweilen bis heute überlebt hat, auch schon mal die jungen Damen am Bratwurststand. 

Nun sind im deutschen Fußball die Neunziger zurück, denn die scheinbar Ausgestorbenen sind wieder da, so mancher Bundesliga-Verein hat den Libero wiederbelebt. Nicht offiziell, sondern heimlich. Heute heißt er anders: Man nennt ihn den zentralen Teil der Dreierkette. Das Prachtexemplar dieser Saison heißt Makoto Hasebe von Eintracht Frankfurt. Zweikämpfe gewinnt der 35-jährige Japaner kaum noch, es ist auch gar nicht seine Kernaufgabe. Stattdessen fegt er die Reste weg, die andere liegen lassen. Er übernimmt sogar das Reklamieren beim Schiedsrichter, eine traditionelle Aufgabe des freien Mannes, der im Spiel einfach weniger Stress hat.

Rangnick hat den Libero wegrationalisiert

Im Vorjahr spielte Naldo beim Vizemeister Schalke die gleiche Rolle. Im Zentrum von Hoffenheim gibt heute Kevin Vogt zwei mannorientierten Verteidigern Sicherheit. Auch an anderen Standorten erblickt man hin und wieder einen Libero: in Augsburg Rani Khedira, in Berlin Karim Rekik oder Fabian Lustenberger, in Stuttgart Benjamin Pavard, der Weltmeister, der nach München wechselt.

Die Arbeitsteilung zwischen Libero und den Stoppern, wie seine Hilfsarbeiter früher hießen, ist nicht mehr überall ganz so strikt, doch im Prinzip machen die Liberos von heute das gleiche wie ihre Vorgänger: Sie schaffen Überzahl dort, wo der Gegner ein Tor schießen will. Sie putzen die Fehler der anderen aus, laufen den Ball ab, verteidigen mit Auge, wie man sagt. Am Ball können sie dank ihrer Technik lange Pässe schlagen oder auch mal die Stürmer des Gegners ins Leere laufen lassen. Naldo schoss sogar Tore. Willkommen zurück, alter Lothar!

Klingt eigentlich alles gut und die Hasebes und Naldos, von Fans und Medien geschätzt, machen tatsächlich eine schöne Figur. Doch es gab ja gute Gründe dafür, den Libero in die Geschichtsbücher zu versenken. Dazu muss man gut zwanzig Jahre zurückblicken. Damals brach eine avantgardistische Trainerschule um Ralf Rangnick und seinen Mentor Helmut Groß eine Kulturrevolution los. Inspiriert vom AC Mailand und von Dynamo Kiew führte sie in Deutschland die Raumdeckung, Pressing und die Viererkette ein. Gegen Widerstände, denn sie rationalisierte damit den Libero weg, für den die Deutschen einen Fimmel haben wie für ihre Lebensversicherung. Berühmt wurde Rangnicks Sportstudio-Auftritt, in dem er an der Taktiktafel das moderne Verteidigen erklärte. Noch zehn Jahre später wurde er dafür vom Establishment als "Fußballprofessor" verspottet.