Die unglaubliche Wandlung des Primož Roglič

Hoch über dem Dorf Kisovec im Herzen Sloweniens ragen gleich fünf Skisprungschanzen in den Himmel. Die größte ist eine 50-Meter-Anlage. Etwas klein für ausgebildete Skispringer. Aber doch eine Einstiegsdroge in den Flugsport. Wer in Kisovec aufwächst und auf dem Weg zur Schule immer die Schanzenanlage vor Augen hat, kann gar nicht anders als Skispringer werden. "Das stimmt, das ist das, was fast alle hier machen", sagt Andraž Pograjc.

Pograjc sprang viele Jahre auch hier. "So um die 51, 52 Meter lag meine Bestweite." Sogar einen Weltcup gewann Pograjc mal, mit der Mannschaft. Sein Trainingskamerad damals: Primož Roglič, früher Skispringer, heute einer der besten Radrennfahrer der Welt. Roglič holte in seinem ersten Leben mit der Mannschaft einmal Gold und einmal Silber bei den Juniorenweltmeisterschaften. Im zweiten Leben wurde er im vergangenen Jahr Vierter bei der Tour de France. Beim Giro d'Italia, der gerade läuft, führte er zwischendurch das Klassement an, ehe ein Sturz ihn aufhielt. Trotzdem ist er noch immer einer der Favoriten auf den Gesamtsieg. Wie geht so etwas? Woher kommt diese beinahe unglaubliche Wandlung?

"Meist war er besser, ich müsste nachgucken in den Resultatslisten, ob ich ihn einmal besiegt habe. Aber es gab Jahre, da war er einfach unbesiegbar, so wie jetzt im Radsport", sagt Andraž Pograjc über seinen Kollegen von früher. Beim entscheidenden Wendepunkt in der Skisprungkarriere seines Kumpels war Andraž Pograjc aber nicht dabei, 2007 in Planica, als Roglič stürzte. "Aber ich war da. Es war einfach schrecklich, ich musste mich wegdrehen, konnte einfach nicht hinschauen", sagt Zvone Pograjc.

Falsche Muskelfasern

Er ist der Vater von Andraž und dessen Trainer. Und er war auch der Trainer von Roglič. Roglič war eines seiner größten Talente, als Skispringer schon der Stolz des keine 2.000 Einwohnerinnen und Einwohner zählenden Ortes. "Physisch war Primož sehr stark. Er war aggressiv, hatte eine gute Explosivität, konnte den Körper gut dehnen. Auch nach dem Sturz hatte er gute Werte. Aber er konnte es nicht mehr in die Sprünge umsetzen. Das Gefühl war einfach nicht mehr da", sagt Zvone Pograjc.

Pograjc hat Roglič sogar in dessen erstem Jahr als Radsportler begleitet. "Wir sind gemeinsam Rad gefahren. Und man hat gleich gemerkt, dass er gut war", sagt er. Gute Ausdauerwerte hätte er auch schon als Skispringer gehabt, bei Sprungintervallen, die mehrfach wiederholt wurden. Aber Ausdauer war damals nicht wichtig. Sie zu trainieren wäre sogar kontraproduktiv gewesen. "Meine Skisprungtrainer haben mir damals Radsport sogar verboten, weil damit die für das Skispringen falschen Muskelfasern trainiert werden", sagte Roglič mal. Pograjc bestätigt das Verbot. "Du trainierst im Radsport extensiv, fünf, sechs, sieben Stunden. Im Skispringen musst du schnell und explosiv sein. Das sind große Gegensätze", sagt er.

Verblüffende Ergebnisse

Einige Qualitäten für den Radsport habe er aber doch mitnehmen können aus der Skisprungzeit, findet der alte Coach: Die Explosivität der Muskeln helfe bei den Bergaufsprints, Mut und Gewöhnung an Hochgeschwindigkeit bei den Abfahrten und die Beweglichkeit und Flexibilität, die ein Skispringerkörper haben muss, sei förderlich beim Zeitfahren. Dort muss der Körper fast eine Stunde lang in aerodynamisch günstiger, aber extrem anstrengender Position Maximalleistung bringen. Wer die Anlaufhocke beherrscht und nach dem Absprung die Ski gut in V-Form hält, um schließlich im Telemark-Stil zu landen, kann seinen Körper auch gut in der Bückposition auf dem Rad halten. Die beiden Zeitfahrten beim Giro d’Italia hat Roglič jedenfalls gewonnen.

Seine eigentliche Qualität im Radsport ist aber der beim Skispringen eher vernachlässigte Ausdauermotor. Eine Art TÜV dafür betreibt Radoje Milić, Wissenschaftler am Institut für Sportphysiologie in Ljubljana. "Primož kam 2012 zu mir. Damals war er noch Radamateur, fuhr ein paar Rennen. Und er war so gut, dass die Leute, die die Freizeitsportler testeten, mich baten, selbst einen Test durchzuführen, um zu sehen, wie sein Potenzial ist", erzählt er. Was Milić bei diesem früheren Skispringer sah, der erst seit zwei, drei Jahren auf dem Rad saß, verblüffte ihn aber. "Die Ergebnisse waren enorm. Ich sagte ihm nach dem ersten Test: Bereite dich darauf vor, in der Spitzengruppe bei der Pro Tour mitzufahren. Alle lachten. Aber er nahm das ernst. Und ich meinte das auch ernst."

"Ich würde ihn nur ungern auf der Schanze sehen"

Milić maß 80 Milliliter pro Minute und Kilogramm Körpergewicht an Sauerstoffaufnahmekapazität des Blutes. Das liegt im Bereich eines Chris Froome, der viermal die Tour de France gewann. Bei ihm wurden 2007, als er noch beim unterklassigen Team Minolta fuhr, 80,2 ml/min/kg gemessen. 2015 soll er, wenn die von Team Sky herausgegebenen Daten korrekt sind, bei 88 ml/min/kg gelegen haben. Aktuellere Daten von Roglič sind nicht bekannt. "Die Rennställe geben das nur ungern heraus", sagt Milić.

Ähnliche Werte hat er übrigens bei einem anderen Slowenen, der derzeit für Furore gesorgt, gemessen: Beim Kalifornien-Rundfahrt-Sieger Tadej Pogačar. Der ist mal kein Umsteiger, sondern Radsportler seit frühester Jugend. Ob Doping hinter all diesen schönen Erfolgen steckt – aktuell wurden zwei slowenische Radprofis als Kunden des Erfurter Dopingarztes Mark Schmidt identifiziert – vermag Milić nicht zu erkennen. Sagt er zumindest. "Wir machen hier nur die Tests, mehr nicht. Aus den Daten können wir nicht ablesen, ob jemand gedopt hat oder nicht."

Der Telemark ist Roglič' Markenzeichen

Er vermutet sogar, dass es positiv für Roglič’ Karriere im Radsport war, dass er erst so spät dahin fand: "Wenn man sehr früh mit dem Ausdauertraining beginnt, macht man oft zwei Fehler. Der eine ist, dass man den Kraftaspekt vernachlässigt. Und der andere, dass man nur extensive Trainingsformen betreibt. Da kann es passieren, dass der Motor schnell ausbrennt." Roglič hingegen habe eine vielseitig ausgebildete Muskulatur. Und in Sachen Ausdauertraining hat er sein Limit wohl auch noch nicht erreicht.

Auf die Schanze gehen sollte er allerdings nicht mehr. Tests in Ljubljana ergaben jüngst, dass er deutlich an Sprungkraft verloren hat. "Ich würde ihn auch nur ungern auf der Schanze sehen, nachher stürzt er noch und verletzt sich", sagt sein ehemaliger Trainer Pograjc.

Er hütet sich auch, öffentlich den Telemark-Sprung auf dem Siegerpodest technisch zu bewerten. Der ist längst zum Markenzeichen von Roglič geworden. Also das des Rennfahrers, nicht das Skispringers. "Es kommt nicht darauf an, wie gut er ihn macht. Wichtig ist, dass er gewinnt und ihn dann zeigen kann", sagt Pograjc.