FC Liverpool – FC Barcelona 4:0 (1:0) (Hinspiel 0:3)

Tore: 1:0 Origi (7. Minute), 2:0 Wijnaldum (54.), 3:0 Wijnaldum (56.), 4:0 Origi (79.)

Was war das für ein Spiel?

Superlative sind ja immer das Schönste, deshalb: Das war eines der aufregendsten Rückspiele der jüngeren Europapokalgeschichte. Eine der famosesten Aufholjagden sowieso. Eine der denkwürdigsten Fußballnächte seit langem. Wie der FC Liverpool aus dem 0:3 im Hinspiel ein 4:0 machte, war nicht nur spannend, sondern auch faszinierend anzuschauen. Weil an der Anfield Road zwei völlig unterschiedliche Spielkulturen aufeinander trafen. Hier die Präzision und Ästhetik Barcelonas, dieses an Arroganz grenzende Selbstverständnis, dass allein ihr Fußball der richtige sei und sie deswegen auch nie etwas ändern werden. Dort die Wucht und die Geschwindigkeit Liverpools, deren Kicker einfach an ihren Gegnern vorbeirennen oder notfalls auch mal über sie hinweg, 90 Minuten lang, immer wieder. Vorerst ist dieses Duell entschieden: Es siegte die Leidenschaft, der Wille, die Muskelkraft.

Wie konnte das passieren?

Liverpools Spieler waren ihrem Gegner von der ersten Minute an körperlich überlegen. Sie liefen schneller, öfter und weiter. Schon nach nicht einmal einer Minute führte das zur Chance für Liverpool. In der 7. Minute fiel dann das erste Tor durch Divock Origi nach einem Patzer von Barcelonas Jordi Alba. Nach der frühen Liverpooler Führung aber beschloss der FC Barcelona mitzuspielen. Er hatte eine Phase, in der er das Spiel kontrollierte, sich drei, vier gute Gelegenheiten herausspielte, aber es noch weniger als Liverpool im Hinspiel verpasste, das wichtige Auswärtstor zu machen. Liverpool hatte Glück, mit 1:0 in die Pause zu gehen.

Und dann?

Dann kam Georginio Wijnaldum. In der Halbzeit wurde er für den verletzten Andy Robertson eingewechselt, der einen Tritt von Luis Suárez abbekam, der sich wiederum auch in diesem Spiel mit Schwalben, Reklamationen und anderen Fisimatenten erneut um den praktischerweise nach ihm benannten Luis-Suárez-Unfair-Play-Preis bewarb. Aber das hatte der Uruguayer davon: Kaum im Spiel machte Wijnaldum innerhalb von 122 Sekunden zwei Tore. Beim ersten Schuss sah Marc-André ter Stegen im Barca-Tor etwas ungeschickt aus. Er berührte den Ball mit der Hand, aber nur so, dass er ihm von der Hand an den Rücken und von dort ins Tor prallte. Beim zweiten Treffer, einem netten Kopfball, schaute die gerne und oft körperlos verteidigende Barca-Abwehr nur zu. Längst waren in Liverpool alle aus dem Häuschen, als das Duell durch ein Tor entschieden wurde, das schon jetzt Legende ist. 

Jürgen Klopp - "Ich bin wirklich stolz, Trainer dieses Teams zu sein" Liverpool zieht nach einem 0:3 Rückstand überraschend ins Finale der Champions League ein. Selbst Trainer Jürgen Klopp hatte das kaum für möglich gehalten. © Foto: Alex Livesey/Getty Images Europe

Wie fiel das entscheidende Tor?

Trent Alexander-Arnold holte in der 79. Minute eine Ecke für Liverpool heraus, indem er Sergi Roberto anschoss. Er legte den Ball zur Ausführung an die Eckfahne und wollte ihn eigentlich Xherdan Shaqiri überlassen. Beim Weggehen schaute er kurz noch einmal hoch und und sah, dass die Barca-Abwehr noch ungeordnet war, ja dass viele Barca-Spieler nicht einmal zum Ball schauten. Alexander-Arnold dagegen erkannte einen Mitspieler, der sehr wohl zum Ball schaute und sich so allein und so frei vor des Gegners Tor aufhielt, wie man es sonst nie tut in einem Champions-League-Halbfinale. Der TV-Zuschauer hatte übrigens die gleiche Sicht, weil die Szene direkt von der Kamera gefilmt wurde, die sich hinter Alexander-Arnold an der Seitenlinie befand. Alexander-Arnold machte also flink kehrt, spielte den Ball schnell in die Mitte, die Barca-Spieler und ihr Tormann reagierten zu langsam und Origi hielt den Fuß hin, 4:0. Ein 20-Jähriger übertölpelte den großen FC Barcelona, Messi und die anderen im Tiefschlaf erwischt. Wahnsinn.

Wo war Messi?

Kann eine Mannschaft auch zu abhängig von ihrem Besten sein? Nach diesem Spiel muss man sagen: Ja. In der 16. Minute, als Barcelona drauf und dran war, den Ausgleich zu machen, stand Barca plötzlich zu viert im Liverpooler Strafraum nur zwei Gegenspielern gegenüber. Jordi Alba hatte den Ball, doch statt sich frei vor dem Tor einfach eine Ecke auszusuchen, wählte er einen Rückpass auf Leo Messi, der schlechter postiert war und auch prompt an einem Verteidigerbein hängen blieb. Alle Bälle zu Messi, das kann nicht die alleinige Lösung für eine Fußballmannschaft sein. Messi machte kein schlechtes Spiel. Einen seiner Schüsse hielt Alisson famos, ein anderer ging knapp vorbei. Es ist auch nicht Messis Schuld, dass Jordi Alba Messis Pass kurz vor dem Pausenpfiff nicht im Tor unterbringen konnte. Aber dennoch fehlte ihm etwas, wie der gesamten Barca-Mannschaft. Sie wirkte, als spielte sie in einem unbedeutendem Vorbereitungsturnier. Möglicherweise wirkt jede Mannschaft so, die gegen die höchstmotivierten Liverpooler antritt, allein des Kontrasts wegen, aber dennoch machte die Mannschaft von Ernesto Valverde vor allem in der zweiten Halbzeit stets den Eindruck, als wüsste sie selbst, dass sie ausscheiden würde. Leichtfertig und ohne Gegenwehr vergaben sie ihren Vorsprung, wie ein Stück Treibgut, mit dem die Wellen auf offenem Meer machen, was sie wollen. 

Wie ist das alles nun einzuordnen?

Viel ist nun vom Wunder von Liverpool die Rede. Das stimmt natürlich, aber eigentlich auch wieder nicht. Wenn nämlich einer Mannschaft solch eine Aufholjagd zuzutrauen war, dann der von Jürgen Klopp. Das sind seine Spiele, Klopp ist wie für sie gemacht. Weil er selbst immer daran glaubt und er es wie wohl kein anderer Trainer auf der Welt schafft, auf eine Mannschaft einzureden, bis auch sie glaubt. Auf alle Spieler übrigens. Alle vier Tore nämlich machten Spieler, die wie Origi nur spielten, weil die Stammkräfte Mo Salah und Roberto Firmino verletzt waren, oder für einen verwechselten Spieler eingewechselt wurden wie Wijnaldum. Auch der Gegner kam ihnen zupass. Barcelona steht vor allem fernab das Camp Nous gerne mal unter Lethargieverdacht. Schon im Vorjahr ließ Barcelona trotz einer 4:1-Führung aus dem Hinspiel gegen die Roma im Rückspiel ein 0:3 über sich ergehen, das entscheidende Tor fiel auch nach einer Ecke. Und der letzte Faktor: das Stadion, die Anfield Road, Die Liverpooler Fans sind ja auch alles kleine zähnefletschende Klopps, gegen 55.212 von ihnen spielt niemand gern. Nach dem Spiel stand das Team mit Jürgen Klopp vor dem Kop und alle zusammen sangen You’ll never walk alone. Mittendrin auch der verletzte Superstar Mo Salah. Auf seinem T-Shirt stand "Never Give Up".