Die süßen Ossis sind aufgestiegen

Um 22.28 Uhr stürmten die Genossen Werktätigen den Platz. Rot-weiße Fahnen schwenkten sie, rot-weiße Trikots und Schals trugen sie, völlig außer sich waren sie, die Fans von Union Berlin. Als dann Nina Hagens Vereinslied erklang, schmetterten sie wie immer eine Zeile besonders laut: "Wer lässt sich nicht vom Westen kaufen?" Eisern Union, Eisern Union! Ihr ostdeutsches Sein betonen viele von ihnen gerne. Die Melodie ähnelt übrigens der Hymne Russlands.

Die Bundesligasaison endet mit einer großen Überraschung, die kaum einen Fußballfan in Deutschland kalt lässt. Union Berlin, der Underdog aus Köpenick, steigt nach dem 2:2 im Hinspiel durch ein 0:0 gegen den VfB Stuttgart erstmals in die Bundesliga auf. Zuletzt war der Verein 1989, zu DDR-Zeiten und noch vor der Wende, erstklassig. Nun wird er als einziger ostdeutscher Verein, wie manche meinen, in der höchsten deutschen Spielklasse antreten.

Begeisterung im Überschwang in der Alten Försterei und drum herum. Auf dem Grün ein Wimmelbild aus Tausenden Fans, die sich Aufstiegsrasen oder ein Stück vom Tornetz ausschnitten. "Genau hierhin hat der Aogo getroffen", hielt einer seine Trophäe hoch. "Aber hat ja glücklicherweise nicht gezählt." Das Freistoßtor des Stuttgarters war per Videobeweis aberkannt worden.

"Dass wir das noch erleben dürfen!"

Feuerwerk erleuchtete die Berliner Nacht, die Leute stimmten Gesänge auf ihren Verein und den selig machenden Alkohol an. In der Abseitsfalle, der Fankneipe am Stadion, gab es Bierduschen gratis. Auf den Straßen machten sich zwei frohgestimmte Radfahrer mit dem Spruch Platz: "Vorsicht, Aufsteiger, zur Seite bitte!" Ein Paar mittleren Alters ging beseelt nach Hause, sie sagte zu ihm: "Als es vorbei war, wusste ich gar nicht, ob ich lachen oder weinen soll." Ein vor Glück, nicht im Rausch auf dem Gehweg taumelnder Mann um die 50 sagte zu seinem Kumpel: "Dass wir das noch erleben dürfen!"

"Wir aus dem Osten gehen immer nach vorn!", singt Nina Hagen. Rein sportlich stimmte das nicht ganz an diesem Abend, die Mannschaft von Union stellte sich gegen den Favoriten lange hinten rein und vertraute darauf, dass die ideenlosen Stuttgarter kein Tor schießen würden. Es klappte. Mit dem Mauern kennen sie sich in Ostberlin halt aus.

Natürlich ist das mit dem Westen, vom dem man sich nicht kaufen lasse, auch nur Folklore. Union hat durchaus ein paar Millionen "Nasse" bei Geschäftsmännern aus dem Westen. Laut dem Kicker erhielt der Verein gut sechs Millionen Euro von Quattrex, der Investitionsfirma, an der ausgerechnet der Präsident des VfB Stuttgart, Wolfgang Dietrich, einst Anteile hielt.

An die Finanzen denkt wohl keiner der trunkenen und johlenden Aufsteiger und Aufsteigerinnen, als der S-Bahn-Fahrer in den Bahnhof Köpenick einfuhr, und zum Gruße hupte. Selbst die öffentlichen Verkehrsmittel Berlins hatten gute Laune, das kommt wirklich nicht täglich vor. Union ist Everybody's Darling, das sind die süßen Ossis, auch weil sich der Verein Ursprüngliches bewahrt hat.

Im Stadion steht eine manuelle Anzeigetafel, die Wurst aus Eberswalde kostet zweifuffzich und neben dem Stehblock Waldseite wachsen Bäume. Wie schön ist das bitte, wo sieht man die noch im Profifußball? Union hat zudem einen ausgezeichneten Stadion-DJ. Da läuft nicht der übliche Schlagerschmus, sondern die Beatles, Depeche Mode und Motörhead. The Ace of Spades.

Zum Hartzer kam der Hipster

Vor allem herrscht in der Alten Försterei sehr gute Fußballstimmung. "Eisern" – "Union" lautet der Wechselgesang, der nie monoton wird. Alle sind involviert, nicht nur die Hardcoreszene. Auch die Gegentribüne schrie gegen Stuttgart "Auf die Fresse!" oder zündete Pyro.

Man kann sich von der Atmosphäre mitreißen oder von dem vielen Rauch vernebeln lassen, dass man manchmal gar nicht sieht, welcher Fußball gekickt wird. Eigentlich war das sehr zähe Kost, was beide Teams boten. Das Spiel stellte die Frage nach der Konkurrenzfähigkeit Unions in der Bundesliga. Aber sicher nicht vor übermorgen. "Schon wieder gegen Dortmund", seufzte ein Fan auf dem Heimweg mit gespielter Verzweiflung. Natürlich freuen sich alle auf den BVB, die Bayern, Schalke oder Hertha.

Die Unioner, seit Jahren immer mal wieder im Aufstiegsrennen der Zweiten Liga, sagten der Bundesliga zuletzt kurz Hallo. Zwei Mal unterlagen sie dem BVB im DFB-Pokal ganz knapp, begleitet von 10.000 und mehr Fans in Dortmund. Berlin war die beste Heimmannschaft der 2. Liga, hat aber auch auswärts einen zwölften Mann. Oder Frau, denn viele Union-Fans sind weiblich.

Im Fan-Express fließt Club Mate

Ohnehin ist der einstige Arbeiterverein ein vielschichtiges Gebilde geworden. Zum Hartzer kam der Hipster. Zum 50-jährigen Arbeitslosen, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt, kam inzwischen auch manch Zugezogener aus Erkenschwick und Bielefeld. Man erkennt sie an den modischen Schnurrbärten, aus der S-Bahn steigen sie in der Regel nicht schon am Ostkreuz aus, sondern weiter im Westen.

Im Fan-Express von Union fließt nicht mehr nur Bier, sondern auch Club Mate. Union ist, im Gegensatz zur Hertha, cool. Sagt auch die Bloggerin und Schriftstellerin Ronja von Rönne. Zum Fußball bei Union kommen eben alle, weswegen wohl bald das Stadion ausgebaut wird. Wer weiß, vielleicht arbeiten die Fans wieder mit, wie vor gut zehn Jahren, als das Stadion renoviert wurde.

Längst hat sich die familiäre Atmosphäre bei Union bis über die deutsche Grenze herumgesprochen. Die wird auch an diesem großen Abend erlebbar. Spieler, Trainer, Präsident, Mitarbeiter feiern gemeinsam mit den Fans. Auch den Kultspieler Torsten Mattuschka hat niemand vergessen. Ihn besangen die Fans, als es einen Freistoß gab, dabei ist er schon fünf Jahre nicht mehr im Verein. Für den Ex-Spieler Benny Köhler, der zwischenzeitlich schwer erkrankte, wurden selbstverständlich zwei Karten zurückgelegt.

Und wie ist das mit der ostdeutschen Identität von Union Berlin, ist das ein Alleinstellungsmerkmal? Es gibt ja schon einen Bundesligaverein, die Geschäftsstelle von RB Leipzig hat eine ostdeutsche Postleitzahl, der Club hat auch ostdeutsche Fans, allerdings keine ostdeutsche Geschichte. Union gibt es schon lange. Der Vorgängerverein Union Oberschöneweide wurde sogar Deutscher Vizemeister 1923.

Von RB unterscheidet sich Union auch dem Selbstverständnis seiner meisten Fans nach durch eine ostdeutsche Seele. Die resultiert aus DDR-Zeiten, damals war der Verein sportlich eher zweitklassig, pflegte aber sein Image als Anti-Stasi-Club, als Sammelbecken für Staatsfeinde. Ob da jede Selbstbeschreibung stimmt, ist offen. Geblieben aus dieser Zeit sind jedenfalls Trotz und Stolz, auch ein rauer Charme. Manche sagen dazu auch hauptstädtisches Großschnauzentum. Die Bundesliga darf sich jedenfalls auf ein außergewöhnliches neues Mitglied freuen.