Vor allem herrscht in der Alten Försterei sehr gute Fußballstimmung. "Eisern" – "Union" lautet der Wechselgesang, der nie monoton wird. Alle sind involviert, nicht nur die Hardcoreszene. Auch die Gegentribüne schrie gegen Stuttgart "Auf die Fresse!" oder zündete Pyro.

Man kann sich von der Atmosphäre mitreißen oder von dem vielen Rauch vernebeln lassen, dass man manchmal gar nicht sieht, welcher Fußball gekickt wird. Eigentlich war das sehr zähe Kost, was beide Teams boten. Das Spiel stellte die Frage nach der Konkurrenzfähigkeit Unions in der Bundesliga. Aber sicher nicht vor übermorgen. "Schon wieder gegen Dortmund", seufzte ein Fan auf dem Heimweg mit gespielter Verzweiflung. Natürlich freuen sich alle auf den BVB, die Bayern, Schalke oder Hertha.

Die Unioner, seit Jahren immer mal wieder im Aufstiegsrennen der Zweiten Liga, sagten der Bundesliga zuletzt kurz Hallo. Zwei Mal unterlagen sie dem BVB im DFB-Pokal ganz knapp, begleitet von 10.000 und mehr Fans in Dortmund. Berlin war die beste Heimmannschaft der 2. Liga, hat aber auch auswärts einen zwölften Mann. Oder Frau, denn viele Union-Fans sind weiblich.

Im Fan-Express fließt Club Mate

Ohnehin ist der einstige Arbeiterverein ein vielschichtiges Gebilde geworden. Zum Hartzer kam der Hipster. Zum 50-jährigen Arbeitslosen, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt, kam inzwischen auch manch Zugezogener aus Erkenschwick und Bielefeld. Man erkennt sie an den modischen Schnurrbärten, aus der S-Bahn steigen sie in der Regel nicht schon am Ostkreuz aus, sondern weiter im Westen.

Im Fan-Express von Union fließt nicht mehr nur Bier, sondern auch Club Mate. Union ist, im Gegensatz zur Hertha, cool. Sagt auch die Bloggerin und Schriftstellerin Ronja von Rönne. Zum Fußball bei Union kommen eben alle, weswegen wohl bald das Stadion ausgebaut wird. Wer weiß, vielleicht arbeiten die Fans wieder mit, wie vor gut zehn Jahren, als das Stadion renoviert wurde.

Längst hat sich die familiäre Atmosphäre bei Union bis über die deutsche Grenze herumgesprochen. Die wird auch an diesem großen Abend erlebbar. Spieler, Trainer, Präsident, Mitarbeiter feiern gemeinsam mit den Fans. Auch den Kultspieler Torsten Mattuschka hat niemand vergessen. Ihn besangen die Fans, als es einen Freistoß gab, dabei ist er schon fünf Jahre nicht mehr im Verein. Für den Ex-Spieler Benny Köhler, der zwischenzeitlich schwer erkrankte, wurden selbstverständlich zwei Karten zurückgelegt.

Und wie ist das mit der ostdeutschen Identität von Union Berlin, ist das ein Alleinstellungsmerkmal? Es gibt ja schon einen Bundesligaverein, die Geschäftsstelle von RB Leipzig hat eine ostdeutsche Postleitzahl, der Club hat auch ostdeutsche Fans, allerdings keine ostdeutsche Geschichte. Union gibt es schon lange. Der Vorgängerverein Union Oberschöneweide wurde sogar Deutscher Vizemeister 1923.

Von RB unterscheidet sich Union auch dem Selbstverständnis seiner meisten Fans nach durch eine ostdeutsche Seele. Die resultiert aus DDR-Zeiten, damals war der Verein sportlich eher zweitklassig, pflegte aber sein Image als Anti-Stasi-Club, als Sammelbecken für Staatsfeinde. Ob da jede Selbstbeschreibung stimmt, ist offen. Geblieben aus dieser Zeit sind jedenfalls Trotz und Stolz, auch ein rauer Charme. Manche sagen dazu auch hauptstädtisches Großschnauzentum. Die Bundesliga darf sich jedenfalls auf ein außergewöhnliches neues Mitglied freuen.