Gegenüber ihrer Familie verspürt Dzsenifer Marozsán eine fast unendliche Dankbarkeit. Vater Janos, der viermal für die ungarische Nationalmannschaft spielte, hat ihr das fußballerische Talent vererbt. Mutter Elisabeth ist so etwas wie die gute Seele, die den Laden am Laufen hält. Längst hat es ihr die 91-fache deutsche Nationalspielerin verziehen, dass Mama sie einst zum Tanzen schickte und ein Klavier kaufte, bloß damit sie kein Fußball spielt. Und dann ist da noch der fünf Jahre ältere Bruder David, der am Anfang auf dem Bolzplatz nicht wollte, dass seine Schwester mitspielt. Doch bald merkte er, wie gut sie ist.

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg sagte es erst nach dem Erreichen des Viertelfinals (Samstag, 18:30 Uhr / ARD) wieder: "Uns fehlt eine der besten Fußballerinnen der Welt. Und teilweise wird noch hinterfragt, warum wir dies oder das nicht richtig machen." All ihre Planspiele mit der 27-jährigen Strategin von Olympique Lyon wurden durchkreuzt von einem Bruch der Mittelzehe des linken Fußes beim 1:0-Auftaktsieg gegen China.

Sollte sie oder sollte sie nicht?

Nun kehrt sie zurück, wieder in Rennes, wo sich das Malheur vor knapp drei Wochen ereignete. "Dzsenifer wird spielen können. Wir werden noch entscheiden, ob von Beginn an oder im Laufe des Spieles", sagte Voss-Tecklenburg am Freitag. Die Mitspielerinnen scheinen sich nicht sicher zu sein, ob es besser ist, mit oder ohne "Maro" anzufangen. "Gefühlt kann man sie in jeder Situation anspielen. Dass sie mit einer Aktion ein Spiel entscheidet, hat sie schon öfter gezeigt", sagte Abwehrchefin Marina Hegering. Torhüterin Almuth Schult sprach hingegen das Wagnis an, wenn jetzt schon wieder zu viel Druck auf ihr laste: "Es ist was anderes, wenn man so lange nicht durchgängig trainieren kann. Wir freuen uns, wenn sie auf dem Platz steht. Aber wir wollen als Mannschaft 90 Minuten eine tolle Leistung zeigen – ob mit Dzseni oder ohne."

Marozsán wäre im Notfall bereits im Achtelfinale gegen Nigeria (3:0) zum Einsatz gekommen, "wenn die Mannschaft mich gebraucht hätte". Die eine Woche zwischen Achtel- und Viertelfinale kamen ihr nun aber sehr gelegen. Die Heilungszeit bei dieser Knochenfraktur beträgt sechs bis acht Wochen. Doch was ist ein gebrochener Zeh gegen eine beidseitige Lungenembolie?

Diese lebensbedrohliche Erkrankung durch die Einnahme der Antibabypille ließen bei ihr vergangenen Sommer den Leistungssport zur Nebensache werden. Jetzt trifft sie auf jeder Reise ihre persönliche Vorsorge: "Ich trage Thrombosestrümpfe, manchmal auch eine spezielle Hose. Ich trinke sehr viel, und bei langen Flügen versuche ich auch, mich zu bewegen." Der Rückblick relativiert bei ihr vieles, auch die aktuelle Verletzung am Zeh: "Es gibt Schlimmeres im Leben. Ich weiß, der Zeh wird in einigen Wochen heilen."

Was in der Zwischenzeit geschah

Ihre recht unerfahrene Mannschaft hat einen erstaunlichen Emanzipationsprozess hinbekommen. Deutschland gewann ohne die Spielmacherin zwar keine Schönheitspreise, aber blieb viermal ohne Gegentor. Unheimlich stolz mache sie das, sagt Maroszán.

Nia Künzer, die im WM-Finale 2003 gegen Schweden (1:0) das Golden Goal köpfte und als ARD-Expertin auch dieses Turnier begleitet, hat einen positiven Abnabelungseffekt beobachtet. "Vorher hat sich alles auf Maroszán konzentriert, weil sie im Moment auch eine der besten Spielerinnen der Welt ist. Jetzt schaffen sie es tatsächlich, das als Team aufzufangen." Das stimmt, doch geht es um den nächsten Gegner, den Schwedinnen, kommt Maroszán eine besondere Rolle zu.