Sie wollen nicht mit dem Hintern wackeln

Die beste Fußballerin der Welt wird nicht dabei sein. Ada Hegerberg aus Norwegen wird der WM fernbleiben, obwohl sich ihr Team qualifiziert hatte. Aber Ada Hegerberg möchte nicht mehr. Vor knapp zwei Jahren trat sie aus dem Nationalteam zurück, nachdem sie sich mit dem norwegischen Verband um Prämien gestritten hatte. Ihr passte es nicht, dass sie deutlich weniger Geld bekommen sollte als ihre männlichen Kollegen. Und deutlich weniger Wertschätzung.

Immer wenn eine Frauenfußball-WM ansteht, wird nicht nur über Sport diskutiert. Sondern auch über Gender-Pay-Gaps und Gleichstellung. Bei dieser WM wohl noch ein wenig mehr. Denn während manches Medium für die wichtigsten Fragen zur WM mal wieder rund um Schminktipps, Sekt in der Kabine und Beziehungskisten jedes sexistische Klischee bemühte, drängte es andere doch zu einer bemerkenswert ernsthaften Diskussion. 

Die deutsche Nationaltorhüterin Almuth Schult sagte vor einigen Wochen in einem FAZ- Interview: "Oft werden wir Frauen einfach vergessen." Und als jüngst ein Videoclip zur WM veröffentlicht wurde, in dem die Spielerinnen Sätze sagten wie: "Wir haben keine Eier – wir, wir haben Pferdeschwänze", ging der wohl auch deswegen viral, weil sich da jemand was traute, weil da jemand etwas einforderte, den die Sportöffentlichkeit so gut wie vergessen hatte: die Fußballerinnen eben.

Deswegen könnte diese WM besonders werden. Sie könnte entscheiden, wie es weitergeht mit dem Frauenfußball. Ob er in seiner Nische bleibt oder einen großen Schritt zu weltweiter Anerkennung macht. Ob die Spielerinnen größtenteils Halbprofis bleiben oder endlich Geld verdienen wie die Männer, oder zumindest einen Bruchteil davon. Ob Ada Hegerberg bei der Verleihung des Preises zur Weltfußballerin weiterhin gefragt wird, ob sie nicht gern mal mit dem Hintern wackeln würde, oder ob man sie fortan für ihre Tore bewundert.

"Weißt du eigentlich, wie ich heiße?", so beginnt das Video mit den deutschen Frauen. Die meisten Fußballfans werden da wohl mit dem Kopf schütteln (die Lösung: Alexandra Popp). Aber das Werk war auch in anderer Hinsicht ein Symbol. Es wurde von einem Sponsor in Auftrag gegeben, nicht vom Deutschen Fußball-Bund. Während andere Nationen aufholen und der Stellenwert des Frauenfußballs dort steigt, sind nicht wenige der Meinung, dass der DFB seit Jahren bei diesem Thema tiefsten Tiefschlaf hält.

Siegfried Dietrich, 65, ist Manager beim 1. FFC Frankfurt. Das Video hat ihm Spaß gemacht, sagt er. Er nimmt den Verband in Schutz. "Der DFB nimmt den Frauenfußball sehr ernst", sagt er. Er sagt, das sei eine "realistische Einschätzung", er ist Ligasprecher der Vereine und seit mehr als 25 Jahren dabei. Ja, sagt er, der Frauenfußball "ist in Deutschland im Umbruch. Aber er hat ein unglaubliches Potenzial." Er hat eben nur seit einiger Zeit das Problem, dass der Sport in anderen Nationen größer zu sein scheint – oder besser ausgeschöpft wird. Bei den Vereinen, aber auch im Nationalteam, so scheint es.

Das hat nicht nur mit der Wertschätzung zu tun. Es hat auch strukturelle Gründe. Zum Beispiel den, dass in der ersten Liga seit geraumer Zeit die Luft raus ist. Es fehlt die Konkurrenz, der Wettbewerb, der Druck und Ansporn. Fast ein bisschen wie bei den Männern, wo sich die Meisterschaft zuletzt nur um die Bayern und ein bisschen um Dortmund drehte. 

In den vergangenen sieben Jahren machten bei den Frauen Wolfsburg und Bayern München die Meistertitel unter sich aus. "Reine Frauenfußballvereine wie wir müssen sich in der Zukunft Kooperationen überlegen. Wichtig ist, dass der Wettbewerb in der Liga breit aufgestellt ist." Bei den FFC-Frauen denkt man zum Beispiel über eine Zusammenarbeit mit Eintracht Frankfurt nach. 

Der Wettbewerb gelingt bislang nur bedingt. Und macht sich auch im Nationalteam bemerkbar: In Frankreich kommen 16 Spielerinnen aus dem Kader von traditionellen Männervereinen. "Es gab eine lange Zeit, da hat Frankfurt die meisten Nationalspielerinnen und Identifikationsgesichter des Frauenfußballs gestellt", sagt Dietrich. Dieses Jahr ist keine Spielerin aus Frankfurt dabei. "Aber wir haben viele Talente, die in Zukunft wieder eine Rolle spielen werden."

833 Zuschauer pro Spiel in der Bundesliga

Dietrich widerspricht damit allerdings dem deutschen Trend. Zwar spielen Mädchen inzwischen selbstverständlich an Leistungsstützpunkten und an Sportschulen. Auf den DFB bezogen ist die Zahl der Mädchen und Teams aber rückläufig. Anders als im Rest Europas. 2017 berichtete die Uefa über einen Anstieg von 7,5 Prozent bei den Fußball spielenden Frauen und Mädchen, bezogen auf alle 55 Mitgliedsverbände. Für 2018 werden weiter steigende Zahlen erwartet. 

Während zu Spielen in der spanischen oder französischen Liga vereinzelt mehr als 25.000 oder gar 60.0000 Zuschauer kommen, ist der Schnitt der Bundesliga inzwischen auf 833 pro Spiel gesunken. Ist die Liga so unattraktiv? Mitnichten, sagt Siggi Dietrich. Aber weil kaum noch reine Frauenvereine im Wettbewerb sind, herrscht immer Konkurrenz in den eigenen Reihen. Wer vereinsintern die Wahl hat, entscheidet sich noch immer eher für den Männerfußball. 

Die Etablierung von Frauenteams in Männervereinen ist also Fluch und Segen. Einerseits können die Frauen an schon vorhandene Profistrukturen andocken – davon profitiert die Entwicklung enorm. Andererseits stehen sie auch immer im Schatten. Die Heimweltmeisterschaft 2011 hat da nur leidlich geholfen.

Mehr Geld hebt das Niveau

Auch das Gehaltsniveau ist in den anderen europäischen Ligen höher. Während in der Bundesliga immer noch die meisten Spielerinnen studieren oder eine Ausbildung absolvieren, sind in England, Spanien und Frankreich Profis am Ball. Das hebt spielerisch das Niveau – und macht die Ligen auch für deutsche Topspielerinnen attraktiver. Aktuell spielen mit Carolin Simon und Dzsenifer Marozsan zwei Nationalspielerinnen beim Champions-League-Sieger Lyon. In der nächsten Saison wechselt noch Leonie Maier zum Englischen Meister Arsenal. 

Dass die anderen Nationen in Ligen und Auswahlteams aufgeholt haben, muss auch Siggi Dietrich anerkennen. Von überholt will er noch nicht sprechen. "Den Generationenwechsel hat es im Männerfußball auch gegeben. Ich würde das nicht so negativ bewerten wollen." Bei denen wurden ja nach dem WM-Titel 2014 in Brasilien vier Jahre später in Russland auch alle Ambitionen verfehlt. Und jetzt geht es nach dem Umbruch mit neuen Talenten auch wieder aufwärts. Also bitte nicht schwarzmalen, meint Dietrich.

Ein Vorteil der anderen Vereine sei, dass die Frauenabteilungen in erfolgreichen Männerclubs besser verzahnt sind. Da fehlt es in Deutschland mutmaßlich noch an Ernsthaftigkeit – die Etablierung ist bislang eher halbherzig. Zur Erinnerung: Die Frauen des VfL Wolfsburg mussten 2017 sogar ihre Meisterfeier absagen, weil die Männer noch durch die Abstiegsrelegation mussten.

Hoffnung in die neue Trainerin

Aber es ist nicht nur die Wertschätzung, sagt Dietrich. "Wir müssen jetzt schauen, dass auch in Deutschland so optimierte professionelle Strukturen Einzug halten. Die sind bei den Männern vorhanden, werden aber zum Teil für den Frauenfußball noch nicht vollends ausgeschöpft." 

Bei großen Clubs wie Arsenal, Madrid oder Lyon wird – über Sponsoren und Fernsehgelder – auch mehr Geld in die Hand genommen. Das gestand sich auch die neue Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg bei ihrem Amtsantritt ein: "Andere Nationen haben finanziell investiert, sind professioneller geworden und qualitativ besser", sagte sie im August 2018. Gleichzeitig sei die Anzahl der Frauen und Mädchen, die Fußball spielen, gewachsen. Sie wollte es positiv sehen: "Das ist die größte Wertschätzung, die der Frauenfußball erfahren kann." 

Siggi Dietrich setzt für den Fortschritt in Deutschland große Hoffnungen in Voss-Tecklenburg. Die hatte bei ihrer Verpflichtung gesagt, sie wolle als Nationaltrainerin enger mit den Vereinen zusammenarbeiten. Das tut sie offenbar auch. "Martina Voss-Tecklenburg macht einen herausragenden Job. Wir sind im ständigen Austausch, die Verzahnung zwischen ihr und den Vereinen ist sehr gut. Ich bin fest überzeugt, dass sie den deutschen Frauenfußball über kurz oder lang wieder an die Weltspitze führen wird."