Dietrich widerspricht damit allerdings dem deutschen Trend. Zwar spielen Mädchen inzwischen selbstverständlich an Leistungsstützpunkten und an Sportschulen. Auf den DFB bezogen ist die Zahl der Mädchen und Teams aber rückläufig. Anders als im Rest Europas. 2017 berichtete die Uefa über einen Anstieg von 7,5 Prozent bei den Fußball spielenden Frauen und Mädchen, bezogen auf alle 55 Mitgliedsverbände. Für 2018 werden weiter steigende Zahlen erwartet. 

Während zu Spielen in der spanischen oder französischen Liga vereinzelt mehr als 25.000 oder gar 60.0000 Zuschauer kommen, ist der Schnitt der Bundesliga inzwischen auf 833 pro Spiel gesunken. Ist die Liga so unattraktiv? Mitnichten, sagt Siggi Dietrich. Aber weil kaum noch reine Frauenvereine im Wettbewerb sind, herrscht immer Konkurrenz in den eigenen Reihen. Wer vereinsintern die Wahl hat, entscheidet sich noch immer eher für den Männerfußball. 

Die Etablierung von Frauenteams in Männervereinen ist also Fluch und Segen. Einerseits können die Frauen an schon vorhandene Profistrukturen andocken – davon profitiert die Entwicklung enorm. Andererseits stehen sie auch immer im Schatten. Die Heimweltmeisterschaft 2011 hat da nur leidlich geholfen.

Mehr Geld hebt das Niveau

Auch das Gehaltsniveau ist in den anderen europäischen Ligen höher. Während in der Bundesliga immer noch die meisten Spielerinnen studieren oder eine Ausbildung absolvieren, sind in England, Spanien und Frankreich Profis am Ball. Das hebt spielerisch das Niveau – und macht die Ligen auch für deutsche Topspielerinnen attraktiver. Aktuell spielen mit Carolin Simon und Dzsenifer Marozsan zwei Nationalspielerinnen beim Champions-League-Sieger Lyon. In der nächsten Saison wechselt noch Leonie Maier zum Englischen Meister Arsenal. 

Dass die anderen Nationen in Ligen und Auswahlteams aufgeholt haben, muss auch Siggi Dietrich anerkennen. Von überholt will er noch nicht sprechen. "Den Generationenwechsel hat es im Männerfußball auch gegeben. Ich würde das nicht so negativ bewerten wollen." Bei denen wurden ja nach dem WM-Titel 2014 in Brasilien vier Jahre später in Russland auch alle Ambitionen verfehlt. Und jetzt geht es nach dem Umbruch mit neuen Talenten auch wieder aufwärts. Also bitte nicht schwarzmalen, meint Dietrich.

Ein Vorteil der anderen Vereine sei, dass die Frauenabteilungen in erfolgreichen Männerclubs besser verzahnt sind. Da fehlt es in Deutschland mutmaßlich noch an Ernsthaftigkeit – die Etablierung ist bislang eher halbherzig. Zur Erinnerung: Die Frauen des VfL Wolfsburg mussten 2017 sogar ihre Meisterfeier absagen, weil die Männer noch durch die Abstiegsrelegation mussten.

Hoffnung in die neue Trainerin

Aber es ist nicht nur die Wertschätzung, sagt Dietrich. "Wir müssen jetzt schauen, dass auch in Deutschland so optimierte professionelle Strukturen Einzug halten. Die sind bei den Männern vorhanden, werden aber zum Teil für den Frauenfußball noch nicht vollends ausgeschöpft." 

Bei großen Clubs wie Arsenal, Madrid oder Lyon wird – über Sponsoren und Fernsehgelder – auch mehr Geld in die Hand genommen. Das gestand sich auch die neue Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg bei ihrem Amtsantritt ein: "Andere Nationen haben finanziell investiert, sind professioneller geworden und qualitativ besser", sagte sie im August 2018. Gleichzeitig sei die Anzahl der Frauen und Mädchen, die Fußball spielen, gewachsen. Sie wollte es positiv sehen: "Das ist die größte Wertschätzung, die der Frauenfußball erfahren kann." 

Siggi Dietrich setzt für den Fortschritt in Deutschland große Hoffnungen in Voss-Tecklenburg. Die hatte bei ihrer Verpflichtung gesagt, sie wolle als Nationaltrainerin enger mit den Vereinen zusammenarbeiten. Das tut sie offenbar auch. "Martina Voss-Tecklenburg macht einen herausragenden Job. Wir sind im ständigen Austausch, die Verzahnung zwischen ihr und den Vereinen ist sehr gut. Ich bin fest überzeugt, dass sie den deutschen Frauenfußball über kurz oder lang wieder an die Weltspitze führen wird."