Am Ende weinte Erin Cuthbert. Die Schottin wurde zur Spielerin des Spiels gewählt, aber das nutzte ihr auch nichts mehr. Sie und ihr Team waren bei ihrer ersten WM-Teilnahme überhaupt nach der Vorrunde ausgeschieden. "Ich bin so stolz auf die Mädels", sagte sie mit tränenerstickter Stimme. "Im Fußball gibt es unglaubliche Höhepunkte, aber auch verheerende Tiefpunkte."

Verheerend, Tiefpunkt, das trifft es ganz gut. Das Aus der Schottinnen gegen Argentinien wurde nämlich durch einen Eingriff des deutschen Videoassistenten Bastian Dankert entschieden, der als neuer Tiefpunkt in der an Tiefpunkten so reichen, obwohl so kurzen Geschichte des Videobeweises eingehen wird. Ein Videobeweis, der sich in dieser Form zu einer Mischung aus Lachnummer und echtem Ärgernis entwickelt.

3:2 stand es bis zur 92. Minute zwischen Schottland und Argentinien. Mit diesem Ergebnis hätten die Schottinnen ziemlich gute Chancen gehabt, sich als eine der vier besten Gruppendritten fürs Achtelfinale zu qualifizieren, Argentinien wäre raus gewesen. Dann aber erhielten die Argentinierinnen einen Strafstoß, Florencia Bonsegundo stand bereit. Der Ausgleich hätte das Aus für Schottland bedeutet. Doch die schottische Torfrau Lee Alexander hielt, großer Jubel, geschafft! Dachten alle, bis sich Bastian Dankert einschaltete, der ganz genau hingeschaut hatte. Alexander hatte sich zu früh von der Torlinie bewegt. Die nordkoreanische Schiedsrichterin Ri Hyang-ok ließ den Elfer wiederholen, diesmal war er drin und Schottland raus.

Die Schottinnen sind damit das jüngste Opfer der kompletten Überinterpretation einer Regelverfeinerung, die eigentlich den Torhüterinnen und Torhütern helfen sollte. Seit Kurzem müssen diese beim Elfmeter nicht mehr mit beiden, sondern nur noch mit einem Fuß auf der Linie stehen. Das war ein Entgegenkommen an die Praxis, an den natürlichen Bewegungsablauf der Torfrauen und Tormänner, die sich nie wirklich an die alte Regel hielten, weil es nämlich nur Anatomiewundern möglich ist, mit zwei auf der Linie festgenagelten Füßen anständig zur Seite zu springen.

Diese Verfeinerung hat aber nun dazu geführt, dass die Schiedsrichter und ihre Helfer im Videokeller beim zweiten Fuß ganz genau hinschauen. Das ist wohl eine Anweisung der Fifa. Und das führt zu absurden Entscheidungen. Es war schon die dritte dieser Art bei dieser WM. Sechs Zentimeter zum Beispiel, so wurde später nachgemessen, hatte sich vor ein paar Tagen schon der zweite Fuß der nigerianischen Torfrau Chiamaka Nnadozie vor der Linie befunden, kurz bevor die Französin Wendie Renard ihren Elfmeter an den Pfosten setzte. Wegen dieser sechs Zentimeter wurde der Elfer wiederholt, dieses Mal traf Renard. Die Torfrauen kassierten dazu jeweils noch eine Gelbe Karte.