Wo ist das bunte Deutschland?

Die Fußball-WM erobert ein neues Publikum. Mehr als zwölf Millionen Französinnen und Franzosen haben bei TF1 und Canal+ zuletzt das Achtelfinale des Gastgebers gegen Brasilien gesehen, überall stellen Bars und Restaurant jetzt Fernseher auf, um vor dem Viertelfinale gegen die USA (Freitag, 21 Uhr) das öffentliche Interesse zu bedienen. Und zu den knapp 185.000 registrierten Spielerinnen und mehr als 3.000 Clubs, die Frauenfußball anbieten, werden bei derartiger Aufmerksamkeit schon bald viel mehr kommen.

Dennoch geht es nicht ganz ohne den ewigen Quervergleich zu den Männern, wenn "Les Bleues" antreten. Vor allem Parallelen zu 1998 werden derzeit häufig gezogen. Die Trainerfiguren Aimé Jacquet und Corinne Diacre sind zwar nicht Brüder, aber vielleicht Geschwister im Geiste? Schweigsam, verschlossen. Der Zittersieg am vergangenen Sonntag im Achtelfinale gegen Brasilien (2:1) erinnerte zudem an jenen Kraftakt, mit dem sich Frankreich bei der Heim-WM 1998 gegen Paraguay (1:0) durchsetzte. Jeweils ein erlösendes Siegtor, das erst in der Verlängerung fiel. "1998 – 2019, comme un air de déjà-vu", ein Hauch von einem Déjà-vu, titelte daraufhin Le Monde

Und auch in anderer Hinsicht ähneln sich Frankreichs Lieblingsmannschaften von einst und jetzt: Sie sind bunt.

Vergangenen Sonntag saß beim Spiel Frankreich gegen Brasilien auch Claudemir Jerônimo Barreto, besser bekannt als Cacau, auf der Tribüne. Der 38-Jährige ist mit seinem Berater Dietmar Ness eng befreundet, der seit 2005 im Frauenfußball unterwegs ist und bei dieser WM mehr als zwei Dutzend WM-Spielerinnen vertritt. Cacau hat sich vier Spiele vor Ort angeschaut. Er bestritt zwischen 2009 und 2012 insgesamt 23 Länderspiele für die deutsche Nationalmannschaft und wurde WM-Dritter 2010. Seit 2016 arbeitet der Deutsch-Brasilianer als Integrationsbeauftragter beim DFB.

Marozsan, Hendrich, Doorsoun

Ihm gefällt es, dass es in Frankreich bei Männern wie Frauen inzwischen selbstverständlich ist, die Akteure mit Migrationshintergrund einzubinden. "Das liegt auch an Olympique Lyon und Paris St. Germain, die sehr viel investieren, dieses Thema ernst nehmen und Vorreiter sind", sagt Cacau. "Dadurch erreichen sie viel Akzeptanz, schaffen Vorbilder, erreichen Erfolge und Interesse. Damit werden Mädchen aus allen gesellschaftlichen Schichten angesprochen, die selbst spielen wollen. Das ist eine fast logische Kette, die in Frankreich besser als in Deutschland funktioniert."

Im aktuellen Kader der DFB-Frauen fällt auf, dass es nur drei Spielerinnen mit Migrationshintergrund gibt. Die in Budapest geborene Dzsenifer Marozsán, die Halb-Belgierin Kathrin Hendrich und Sara Doorsoun, deren Eltern aus dem Iran und der Türkei kommen. "Auf diesem Gebiet muss viel mehr getan werden, um mehr Spielerinnen für den Fußball zu gewinnen. Wir müssen es offen ansprechen: Es ist eine andere Kultur, eine andere Denkweise. Wie kommen wir also an die Mädchen heran?", fragt Cacau und erinnert an ein Projekt namens Kicking Girls

"Hier werden Spielerinnen mit Migrationshintergrund auch zu Trainerinnen oder Übungsleiterinnen ausgebildet. Für mich liegt hier ein Schlüssel: Eine Trainerin, die selbst diesen Migrationshintergrund besitzt, kann die Mädchen viel besser erreichen. Dann haben auch die Eltern automatisch mehr Vertrauen." Gerade Mädchen aus dem muslimischen Kulturkreis machen in Deutschland um Fußball oftmals einen großen Bogen. Es gibt Studien, dass beispielsweise türkische Mädchen in Sportvereinen stark unterrepräsentiert sind. Da gegenzusteuern, wird mühsam und schwierig.

"Ich durfte damals nicht spielen"

Die deutschen Männer sind da schon weiter. Beim letzten Qualispiel gegen Estland waren immerhin fünf Spieler mit Migrationshintergrund im Kader, sie schossen vier der acht Tore. Auch aus der Weltmeisterelf von 2014 waren die Boatengs, Khediras und Özils nicht wegzudenken. Sie haben ihre Mannschaft nicht nur sportlich weitergebracht, sondern auch ganz nebenbei das Thema Integration für Menschen greifbar gemacht, die sonst nicht so viel damit zu tun haben.

Die deutsche Innenverteidigerin Doorsoun hat sich, wie sie sagt, über das Thema lange keine Gedanken gemacht. "Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich mich absolut deutsch fühle und da kann ich mich zu 100 Prozent mit identifizieren", betont die in Köln geborene Nationalspielerin. "Natürlich: Meine Mama kommt aus der Türkei, mein Papa aus dem Iran und aufgrund des Turniers bekomme ich gerade sehr viele positive Resonanz aus dem Iran, die ich davor in dieser Form nicht hatte." Nur deshalb sei sie noch kein role model, aber die 27-Jährige gibt zu: "In dieser Hinsicht sehe ich bei mir eine Vorbildfunktion, um Mädels zu zeigen, dass man durch den Sport einiges erreichen kann. Es ist aber nicht meine Aufgabe, ein Urteil anzustellen, warum so wenige Spielerinnen mit Migrationshintergrund hier dabei sind."

"Für viele, die Religion strenger nehmen, ist das schwieriger"

Immerhin tourt eine weitere berühmte Spielerin für das deutsche Fernsehen zeitweise mit durch Frankreich. Lira Alushi, die zweifache Europameisterin und Weltmeisterin, tritt im ZDF als Expertin auf. Die 31-Jährige wurde im Kosovo geboren, kam als Kriegsflüchtling nach Deutschland – und die ersten Jahre in Remscheid waren schwer. Es war keine Zeit und kein Geld, um die Kinder zum Training zu fahren. "Ich durfte damals nicht spielen. Fußball ist ein Sport für Männer. So haben damals mein Vater, mein Großvater und mein Onkel gedacht", sagt sie.

Erst spielte sie heimlich, und als der Vater dann sah, welches Talent sie entwickelte, förderte er das Hobby seiner Tochter. "Wir sind modern aufgewachsen. Für viele, die Religion strenger nehmen, ist das schwieriger." Lira Alushi, inzwischen zweifache Mutter und vielen noch unter dem Namen Bajramaj bekannt, war die erste muslimische Spielerin der A-Nationalmannschaft.  "Lira ist das beste Beispiel, wie sich jemand bis nach oben durchkämpft. Sie ist ein Gesicht geworden, um Vorurteile abzubauen", sagt Cacau. Dennoch gibt es zu wenige, die diesem Beispiel folgen. Für den DFB-Integrationsbeauftragten ist es daher unerlässlich, dass Verbände und Vereine gemeinsame Anstrengungen unternehmen. Gerade auf lange Sicht, wenn nachhaltige Erfolge erzielt werden sollen. "Wenn wir da nicht weitermachen, werden wir keine guten Ergebnisse in Deutschland erzielen."