Die Bayern lassen den Weltmeister Mats Hummels nach Dortmund ziehen und manche fragen nun: Warum gestatten sie ausgerechnet dem Konkurrenten diesen dicken Transfer? Man kann auch andersrum fragen: Warum macht Dortmund das?

Wer macht hier eigentlich den Fehler?

Hummels ist der vierte Meisterspieler der Dortmunder, der zunächst eine bessere Adresse fand, und den sie später zurücknahmen. Nuri Şahin zog es 2011 zu Real Madrid, dann zum FC Liverpool, beide Male scheiterte er. Shinji Kagawa ging 2012 zu Manchester United, wo er ein bisschen mitspielen durfte, mehr aber nicht. 2013 zog Mario Götze den Hass der Fans auf sich, als er nach München wechselte. Durchsetzen konnte er sich dort nicht.

Doch wie das so ist mit dem Ex – es ist meist nicht mehr dasselbe wie beim ersten Mal. Şahin, Kagawa und Götze kamen ein bisschen älter und geschwächt zur Borussia zurück. Şahin und Kagawa waren dem BVB keine Hilfe mehr, Götze überzeugte allenfalls im dritten Jahr nach seinem Comeback. Vielleicht war es ja kein Zufall, dass sie sich bei größeren Vereinen nicht halten konnten, vielleicht waren sie einfach nicht gut genug.

Diese Lehre hätte der BVB ziehen können, auch die, dass man mit einer solchen Strategie nicht wächst. Mit dem Plan, Aussortierte wieder einzusammeln, wird es schwer, die Bayern zu überholen oder gar international wieder mal etwas zu gewinnen. Doch Dortmund nimmt auch die vierte Retourensendung entgegen. Hummels, der seinen Lebensmittelpunkt 2016 nach München verlegte, scheint dort nicht mehr gefragt.

Der Fall Hummels mag ein wenig anders liegen. Er war in München meist Stammspieler, zuletzt gewann er als zweiter Innenverteidiger hinter Niklas Süle das Double. Er hat gute Chancen, in Dortmund wieder Abwehrchef zu werden. Er ist ein routinierter Abwehrspieler. Seine Kopfballstärke wird den Dortmundern hinten und vorne helfen. Sie erinnern sich an sein erstes Tor beim 0:5-Debakel im April. Auch werden ihm am Ball Fehler wie dem 19-jährigen Dan-Axel Zagadou eher nicht unterlaufen, mit dem der in diesem Spiel den zweiten Bayern-Treffer einleitete. Als fünffacher deutscher Meister hat Hummels zudem ein gutes Standing bei vielen Schiedsrichtern.

Allerdings werden bei Hummels traditionell Schwächen übersehen, vielleicht weil er oft so schöne Worte findet und elegant den Außenrist einsetzt, was viele Fans und Journalisten zum Träumen verleitet. Die Kernkompetenzen eines Abwehrspielers, Schnelligkeit und Athletik, sind jedenfalls nicht seine Sahneseite. Das sehen nicht nur seine Ex-Trainer Thomas Tuchel, Carlo Ancelotti und Joachim Löw, der schon früher bei Hummels zögerte und inzwischen aussortierte, so. Sondern auch Niko Kovač, der mit Frankfurt 2018 das Pokalfinale gegen die Bayern gewann, weil er Hummels als Schwachstelle identifizierte. Nicht ausgeschlossen, dass auch Lucien Favre zu ähnlichen Bewertungen kommt. Die Heidenheimer Stürmer wussten es offenbar auch.

In den beiden Champions-League-Spielen gegen Liverpool konnte man erkennen, was Hummels gut kann – und was eben nicht. Im Hinspiel stellte sich die Bayern-Elf hinten rein und nahm dem Gegner Platz und Tempo. Er gewann viele Zweikämpfe, Bayern kassierte kein Tor. Hummels ist ein starker Verteidiger, wenn der Gegner nicht mit Mann und Maus angreift, stärker als Jérôme Boateng und bestimmt auch als der Zugang Benjamin Pavard, der mit dem VfB Stuttgart abstieg.

Irritierende Zuneigung zu den Verflossenen

Im Rückspiel gegen Liverpool hingegen war das Feld offener, die Bayern-Abwehr war nicht mehr dauerhaft in Überzahl. Die Klopp-Elf griff oft mit Tempo und variabel an. Und dann kam es zu Situationen, die Hummels noch nie lagen. Beim 1:2 sprang Hummels nicht so hoch wie Virgil van Dijk, was dem Besten mal passieren kann. Doch der Angriff vor dem 1:3 legte die grundsätzlichen Dinge offen, das ging einfach zu schnell für Hummels, Sadio Mané entwischte ihm im Rücken.

Was die Bayern vorher hätten wissen können, was sie aber spätestens bei diesem Achtelfinalaus gemerkt haben dürften: Wenn sie die Champions League wieder gewinnen wollen, dann besser mit einem anderen. Nun haben sie es sogar geschafft, die Kosten für Hummels wieder reinzuholen. Auf 38 Millionen Euro, inklusive Bonus, soll sich die aktuelle Transfersumme belaufen, das sind sogar drei Millionen mehr als vor drei Jahren.

Mag sein, dass Hummels dem BVB zunächst hilft und in der mittelmäßigen Bundesliga bis zu einem bestimmten Grad gut funktioniert. Die drei zentralen Dortmunder Verteidiger, Manuel Akanji, Abdou Diallo und Dan-Axel Zagadou, sind unreifer. Doch sind sie zugleich allesamt schneller und dynamischer, ein Trainer mit Konzept könnte aus ihnen mehr rausholen.

Wie kein zweiter deutscher Verein entdeckt der BVB immer wieder tolle Talente auf dem internationalen Markt. Umso irritierender ist seine fantasielose Zuneigung zu den Verflossenen.