Mesut Özil heiratet, das ist schön. Doch einer seiner Gäste, das ist unschön, war der autoritäre türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Dadurch erinnert dieses Fest an die emotionale und bisweilen rassistische Debatte aus dem Vorjahr, die Deutschland, aber auch den deutschen Fußball, noch ein bisschen tiefer gespalten hat.

Wie damals nach dem Trikotgeschenk an Erdoğan und dem gemeinsamen Foto gilt zunächst: Özil ist ein Fußballprofi, also ein Wesen vom anderen Stern, und keiner unserer Nachbarn. Für ihn bedeutet der prominente Gast, mit dem er seine Vermählungsfeier und sein Leben schmückt, nicht viel anderes als ein weiteres Mercedes-Sportcoupé oder noch einen Hermès-Gürtel.

Andererseits geht von Özils Geste ein politisches Signal aus. Das kann man als Demokrat, der sich von Sportlern eine Meinung wünscht, aushalten. Oder als Dummheit kritisieren, schließlich lässt Erdoğan Gegner verhaften und foltern und zerstört die türkische Demokratie. Özil merkt vielleicht nicht, dass er von Erdoğan in Zeiten, in denen oppositionelle Kräfte erstarken, für den Wahlkampf ausgenutzt wird.

Doch auf keinen Fall haben nun die Kritiker im Nachhinein recht, von denen sich im Vorjahr viele laut und dumpf zu Wort meldeten, obwohl sie sich zuvor nie für türkische Politik interessiert hatten. Oft mit Unterton, wenn nicht gleich offen rassistisch. Ein SPD-Politiker sprach von "Ziegenfickern".

Sie meinten auch nicht Özil, zumindest nicht nur. Sie meinten die Türken, die in Deutschland leben. Es stimmt ja, mehr als 60 Prozent derjenigen mit türkischem Pass, die gewählt haben, haben dem Antidemokraten Erdoğan ihre Stimme gegeben. 

Doch die gut 1,4 Millionen Kinder und Enkel türkischer Vorfahren, die heute einen deutschen Pass besitzen, sind laut einer Studie mehrheitlich gegen Erdoğan. Dennoch haben sie sich vor einem Jahr eher zurückgehalten, weil viele sich in Mithaftung genommen fühlten. Und weil sie in der Özil-Debatte den Alltagsrassismus erkannten, den sie selbst erlebt hatten. Deutschland ist das Land, in dem Thilo Sarrazin mit falschen und zersetzenden Thesen berühmt wurde. Deutschland ist das Land der NSU-Morde, die von deutschen Behörden lange vertuscht wurden.

Erdoğans Kritiker wissen: Er ist auch deswegen unter Deutschtürken so erfolgreich, weil er sich ihrer annimmt. So kann er den Riss in Deutschland ausweiten.

Wie das Land, so der Fußball. Leute aus der Amateurliga berichten immer häufiger davon, dass die autoritären Kräfte der vielen türkischen Vereine durch die Özil-Affäre weiter in die Offensive geraten sind. Und so prallen auf dem Platz und vor Sportgerichten bei deutsch-türkischen Begegnungen manchmal unterschiedliche Auffassungen von Rechtsstaat und Vorstellungen von Fairness aufeinander.

Özil mag nicht mehr so wichtig sein, nach seinem Rücktritt spielt er nicht mehr für die Nationalelf. Seine Leistungen bei Arsenal sind bescheiden, aus seinem riesigen Talent holt er einfach nicht das Maximum heraus. Doch sein Hochzeitsgast mahnt an eine traurige Entwicklung: Auf deutschen Fußballplätzen scheitert Integration.