Willst du mein Freund sein?

Der letzte Spieltag der Regionalliga Südwest 1998: Eintracht Trier empfing im Moselstadion den FSV Salmrohr. Trier war Fünfter, für sie ging es um nichts mehr, Salmrohr kämpfte gegen den Abstieg und musste siegen. Das 2:2 von Trier fiel in der 91. Minute, doch Salmrohr traf noch einmal. Ein Augenzeuge beschreibt die zwei Minuten zwischen dem Ausgleich und der erneuten Salmrohrer Führung als "erbärmlich". Trier hatte das Spielen eingestellt, um noch ein Tor des Gegners zu ermöglichen.

Denn es war kein gewöhnliches Duell. Die Clubs kannten sich gut. Salmrohr war Triers Ausbildungsverein, übernahm Trierer Nachwuchsspieler und musste seine besten Spieler abgeben. Eine Kooperation zweier Clubs, die eigentlich Konkurrenten hätten sein sollen. Am Ende litt der Sport, Salmrohr gewann das Spiel und rettete sich. Der direkte Konkurrent aus Bonn hingegen stieg deshalb ab.

Spieler werden künftig verliehen

Am Dienstag wurde eine Kooperation in der Bundesliga bekannt gegeben. RB Leipzig und der Aufsteiger SC Paderborn wollen "langfristig im sportlichen Bereich kooperieren, mit dem Ziel sich zu unterstützen und das Potenzial bestmöglich auszunutzen". Über weitere Details habe man Stillschweigen vereinbart, sagte Paderborns Präsident Elmar Volkmann ZEIT ONLINE.

Der Vertragspartner war etwas gesprächiger. Leipzigs Vorstandsvorsitzender Oliver Mintzlaff verkündete auf einer Pressekonferenz, man werde im Scouting, im Commercial- und Hospitalitybereich zusammenarbeiten. Man wolle Paderborn ein bisschen unter die Arme greifen, sagte Mintzlaff. Soeben hatte er Paderborns bisherigen Manager Markus Krösche nach Leipzig geholt.

Doch das war nicht die eigentliche Nachricht. Er schob noch hinterher: "Da gibt es den ein oder anderen Spieler, der dann möglicherweise nach Paderborn erst mal ausgeliehen wird und erst mal dort spielt, bevor man ihn vielleicht irgendwann nach Leipzig holt." Leipzig will Spieler in Paderborn parken, vertraglich abgesichert.

Das ist Neuland für die Bundesliga. Einen solchen Deal gab es bisher nicht. Aus gutem Grund. Es könnten Interessenkonflikte entstehen, jeder Torwartfehler oder ein nicht gelaufener Meter eines Stürmers im Duell der beiden könnte zu unangenehmen Diskussionen führen. Was, wenn Paderborn am letzten Spieltag bei den bereits für die Champions League qualifizierten Leipzigern den Klassenerhalt perfekt macht?

Bisher war es üblich, dass Clubs einmalige Leihgeschäfte abschlossen. Philipp Lahm wurde von den Bayern nach Stuttgart verliehen, um dort Spielpraxis zu sammeln. Dieser Grundgedanke liegt wohl auch dem Deal zwischen Leipzig und Paderborn zugrunde. Und doch könnte eine systematische Kooperation dazu führen, dass ein Leipziger Ausbildungsverein in der gleichen Liga entsteht.

Was sagt die DFL?

Also das, was man bisher nur aus dem Red-Bull-Kosmos kennt. Der Konzern unterhält Fußballclubs in Deutschland, Ghana, Brasilien und in den USA. In Österreich, dem Land des Gründers Dietrich Mateschitz, besitzt RB zwei Clubs: RB Salzburg und den FC Liefering, der als Farmteam für Salzburg in der zweiten Liga antritt. Manche Paderborner Fans verglichen ihren Club schon damit.

So entsteht ein Fußballfirmengeflecht mit undurchsichtigen Transfers von einem R zum anderen B und skurrilen Duellen wie dem Aufeinandertreffen von RB Salzburg und RB Leipzig im vergangenen Herbst im Europapokal. Red Bull ist nicht der einzige Konzern, der so oder so ähnlich vorgeht. Wenn Schalke auf St. Petersburg trifft, müssen die Mitarbeiter in der Gazprom-Zentrale eine schwere Entscheidung treffen. Der VW-Konzern alimentierte 2015 mehr als ein Dutzend Bundesligaclubs. Und zur City Football Group gehören neben Manchester City auch Clubs in den USA, Australien, Japan, Spanien und Uruguay.

Fanboykott

Eine deutsche Regelung für Kooperationen, wie die jüngste zwischen Leipzig und Paderborn, gibt es nicht, sie sind auch nicht verboten. Dynamo Dresden und der FC Bayern tauschen zum Beispiel Wissen im digitalen Bereich aus. Auf Anfrage wollte die Deutsche Fußball Liga (DFL) den Fall nicht kommentieren. In ihrer Präambel schreibt sie aber: "Das Lizenzierungsverfahren dient dazu, die Integrität des Wettbewerbs zu erhöhen und die Verlässlichkeit und Glaubwürdigkeit auszubauen." Würde es bei einem Duell der beiden Teams zu Auffälligkeiten kommen, müsste das überprüft werden.

Einige Anhänger aus Paderborn sind entsetzt. Ihnen geht es aber eher nicht um die Integrität des Wettbewerbs, sondern um Fußballkultur: "Etwaige sportliche Vorteile werden durch den Verlust der Seele und Identität unseres bodenständigen Fußballvereins teuer erkauft", schrieben mehrere Fanclubs und forderten den Verein auf, den Deal zurückzunehmen. Sonst werden sie die Spiele des Aufsteigers boykottieren. Präsident Volkmann kündigte an, man werde sich "mit den Anhängern austauschen". Ende Juni wird es ein Treffen geben.