"Die Stimmung auf den Rängen wird sich ändern" – Seite 1

Chris Deutschländer ist 53 Jahre alt, Autor, Diplom-Ökonom, dreifacher Vater und Unionfan seit 1974. Er half mit, das Stadion auszubauen und hat für seinen Verein schon geblutet. Bald sieht er in der Alten Försterei Bundesligafußball.

ZEIT ONLINE: Wie hast du die Stunden nach dem Abpfiff am Montag erlebt? Warst du auf dem Rasen? Hast du das Tornetz aufgegessen?

Chris Deutschländer: Ich habe getanzt, unmittelbar nach dem Spiel auf dem Rasen. Ein kleines Stück mit etwas Weiß von der Auslinie liegt mittlerweile in meiner Küche und wird von mir alle paar Stunden gegossen. Geweint habe ich nicht, irgendwie ging das nach der Anspannung nicht mehr.

ZEIT ONLINE: Macht dich der Aufstieg stolz?

Deutschländer: Ja.

ZEIT ONLINE: Warum?

Deutschländer: Weil man als Union-Fan wirklich einen Beitrag zum Aufschwung und damit Aufstieg geleistet hat. Ob als Blutspender, später Stadionbauer oder Stadionaktionär, Auswärtsfahrer oder stets parteiischer und lautstarker Besucher.

ZEIT ONLINE: Union gilt als der etwas andere Club. Was ist für dich das Besondere und Erhaltenswerte an Union? 

Deutschländer: Das Besondere ist die einmalige Solidarität der Fans untereinander und der große Freiheits- und Unabhängigkeitsdrang nach außen. Der Verein ist zumindest in der sehr stark segmentierten Stadt Berlin der vielleicht einzige Ort, an dem Menschen mit unterschiedlichen Lebensstilen und individuellen Einstellungen zusammenkommen und friedlich miteinander sprechen, singen, trinken. Hier treffen arbeiterliche Traditionen auf Hipsterkultur. Mittlerweile verbringe ich einen großen Teil meiner Freizeit mit Freunden, die ich durch Union kenne oder wiedergetroffen habe. Der Spieltag ist so was wie ein Jour fixe für mich, ein Stammtisch. Wir planen gemeinsame Reisen, Konzert- und Theaterbesuche, laden uns zu Geburtstagen und Hochzeiten ein.

ZEIT ONLINE: Siehst du das in Liga eins bedroht? 

Deutschländer: Nein, es sei denn, die Freunde haben keine Dauerkarte und finden keinen Weg mehr ins Stadion.

ZEIT ONLINE: Kann und darf Union ein familienfreundlicher Club sein?

Deutschländer: Mir ist ein familiärer Club wichtiger, also wo Menschen zusammenkommen und eine neue Familie bilden, eben die Union-Familie. Wenn man seine Verwandten mitbringt, ist man weniger offen für Begegnungen mit anderen. Mein jetzt erwachsener Sohn, der regelmäßig zu Union geht, würde nicht auf den Gedanken kommen, das mit mir gemeinsam zu machen. Unter dem Deckmantel der Familienfreundlichkeit geht es vielerorts auch um Einschränkungen von Freiheiten, die zum Fußball dazugehören: Erst kommt das Rauchverbot, dann nur noch alkoholfreies Bier, Wurst ohne Fleisch und zum Schluss müssen alle brav wie in der Schule des letzten Jahrhunderts sitzen und bitte nur dann klatschen, wenn der Stadionsprecher es erlaubt. Nur das Eis des Sponsors, der dem Kinderblock seinen Namen gegeben hat, das geht noch.

ZEIT ONLINE: Also sind Unioner wirklich gegen das Kommerzestablishment von DFB und DFL.

Deutschländer: Teilweise ja, vor allem wenn jemand nach den Stehplätzen trachtet oder wie aktuell den Bau zusätzlicher Sitzplätze einfordert. Die Stehplätze sind heilig. Wie soll man auch im Sitzen singen? Andere Streitthemen sind das kontrollierte Abbrennen von Pyrotechnik. Und natürlich die Ablehnung verschiedener Vereinskonstrukte in der Bundesliga, die nicht nur von Unionern als ungerechte Bevorteilung einiger Clubs angesehen werden.

ZEIT ONLINE: Wie findest du es, dass Union in der Bundesliga die Hipsterinvasion droht?

Deutschländer: Auch Hipster sind Teil der diversifizierten Stadtgesellschaft. In Maßen sind sie mir genauso willkommen wie englische oder schwedische Groundhopper, japanische und russische Touristen, schottische Dudelsackspieler und Leute, die einfach zur Geburtstagsfeier zufällig ins Stadion eingeladen werden. Die kommen alle jetzt auch schon. Die Verteilung der Karten wird tatsächlich eine große Herausforderung. Die Stimmung auf den Rängen wird sich ändern. Aber diese neue "Invasion" nach 40 Jahren Union auch noch erleben zu dürfen, kann man doch auch positiv sehen.

ZEIT ONLINE: Aber kann der Verein in der ersten Liga die Ideale bewahren, die ihn so groß gemacht haben?

Deutschländer: Die Ideale werden bleiben. Die meisten Menschen bleiben ja die gleichen. Auch den vielen Kommerz-Schnickschnack, den man woanders erlebt, kann man einfach weglassen. Schwierig wird, wie gesagt, das Prozedere, wer wie viele Karten bekommt.

ZEIT ONLINE: Hast du Vorschläge, wie Union die Dauerkarten sinnvoll vergeben könnte?

Deutschländer: Es sollten schon diejenigen, die in der Zweiten Liga eine Dauerkarte hatten, wieder eine kriegen. Das ist sicher fair. Dann kann es Wartelisten geben und vielleicht werden die neuen Dauerkarten nur befristet vergeben, damit auch andere mal eine Chance bekommen. Dass nur Mitglieder Karten kaufen können, ist auch vollkommen in Ordnung. Diese tragen den Verein durch den Stadionbau und Aktienkauf und ihrem Mitgliedsbeitrag, der mit 120 Euro im Jahr zu den höchsten in Deutschland gehört. Schwierig wird es trotzdem mit den Tageskarten. Die wenigen Sitzplätze für die Spiele gegen Topmannschaften sollte man sehr, sehr teuer verkaufen und die enormen Margen nicht dem Schwarzmarkt überlassen. Wer die Bayern ohne Zaun und so nahe wie an der Alten Försterei sehen will, sollte schon 1.000 Euro bezahlen. Dafür gibt es dann Freibier auf den Stehplätzen oder einen neuen Mittelstürmer.

"Ständig knapp vor dem Untergang"

ZEIT ONLINE: Warum wollten die Fans vor zwei Jahren nicht so richtig aufsteigen, dieses Jahr aber schon?

Deutschländer: Wahrscheinlich merkt man als Fan, dass das Prince-Charles-Syndrom droht und der wird ja auch nicht schöner, interessanter. Auch dürfte der Abstieg der Braunschweiger 2018 nach erfolgloser Relegation 2017 eine Warnung gewesen sein. Wenn schon 2020 absteigen, dann lieber aus der ersten als aus der zweiten Bundesliga. 

ZEIT ONLINE: Was zeichnete Union in den Neunziger- und Nullerjahren aus?

Deutschländer: In den Neunzigern war Union ein Verein im Umbruch, ständig knapp vor dem Untergang, der immer wieder von den Fans gerettet wurde. Im Stadion waren wenig Fans, teilweise nur Ein- oder Zweitausend. So viel waren es dann auch bei den jährlichen Rettungsdemos vor dem Roten Rathaus und dem Brandenburger Tor. Ich war meist dabei, weil meine ältesten Söhne 1997 und 1999 geboren wurden und ich ihnen einen lebendigen Verein hinterlassen wollte. Wer sich ein Bild machen will, wie die Zukunft von Union auch hätte aussehen können, kann sich heute die Heimspiele von Chemie Leipzig ansehen.

Anfang der Nullerjahre kam dann der Aufstieg mit dem Geld von Kinowelt, drei Jahre zweite Bundesliga mit häufig knapp 10.000 Zuschauern. 2004 dann wieder eine Zäsur: Nach Abstieg, Fast-Pleite und der Aktion "Bluten für Union" übernahm eine Gruppe von Fans, die inzwischen Unternehmer geworden waren, die Führung des Vereins. Seitdem geht es langsam, aber nachhaltig bergauf. Um zum heute legendären Weihnachtssingen zu gelangen, musste man noch durch den Zaun klettern, es gab nur Kerzenlicht. Nach und nach wurde der Verein bekannter, meine Kinder wurden in der Schule nicht mehr ungläubig angeschaut, wenn sie als Lieblingsspieler Mattuschka nannten.

ZEIT ONLINE: Ist der Unioner ein Köpenicker oder in erster Linie ein Berliner?

Deutschländer: Der Vorläuferverein von Union ist 1906 in Oberschöneweide gegründet worden. Damals eine Industriegemeinde von Weltruf. Der Name Union Oberschöneweide ist seit der deutschen Vizemeisterschaft 1923 bekannt. Noch in den Sechzigern trugen die Zwischenvereine den Namen dieses Ortsteils. Knapp 50 Jahre nach der Bildung von Groß-Berlin erhielt der neu gegründete Verein 1966 richtigerweise den Namen der Stadt und für DDR-Verhältnisse vollkommen überraschend den traditionellen Namen Union zurück. Noch in den Neunzigerjahren wurden die Unioner in den Medien als Wuhlheider bezeichnet, von Köpenick war nie die Rede. Erst danach bekam Union diesen Köpenick-Bezug, wahrscheinlich durch das Engagement der Köpenicker Bezirkspolitiker. Heute ist Union in Köpenick der Eine-Stadt-Ein-Verein-Club wie fast alle anderen deutschen Bundesligisten und gleichzeitig der ganz spezielle Verein in Berlin. In der Innenstadt, wo ich wohne, ist man als Union-Fan immer in der Minderheit gegenüber Fans von Bayern, Dortmund, Köln, Galatasaray, was weiß ich wem. Man lebt in der innerstädtischen Diaspora, das ist ziemlich einmalig in Deutschland. Hertha-Fans begegnet man dort übrigens noch seltener als Union-Fans.

ZEIT ONLINE: Freust du dich auf die Bayern, Hertha und den BVB in der Alten Försterei?

Deutschländer: Auf Bayern und den BVB nicht. Die spielen, nun nur noch im übertragenen Sinn, in einer anderen Liga und ungleichen Sport finde ich langweilig. Hertha hat ja 2010 und 2012 nach Abstiegen schon zweimal bei Union gespielt. Darauf freue ich mich auch nicht so, weil im Vorfeld der Spiele wieder eine Rivalität hochgekocht wird, die es in dieser Stadt einfach nicht gibt. Man darf nicht vergessen, dass Berlin eine vergleichsweise fußballferne Stadt ist. Hertha ist im Übrigen für mich auch kein Westverein, da nach dem kompletten Niedergang in den frühen Neunzigern sich die neuen Fans sehr stark aus den Ost-Berliner Stadtbezirken und vor allem aus Brandenburg rekrutierten. Passenderweise stehen die ja auch in der Ostkurve.

ZEIT ONLINE: Die Erweiterung von 22.000 auf 37.000 Plätze an der Alten Försterei ist diese Woche um ein Jahr verschoben worden. Ist das nicht eine vertane Chance?

Deutschländer: Mir ist die Stadionerweiterung nicht so wichtig. Die Atmosphäre wird dadurch zumindest nicht besser. Meines Wissens lagen auch nicht alle Genehmigungen vor, sodass der Ausbau auch bei Nichtaufstieg hätte verschoben werden müssen. Das erste und vielleicht einzige Erstbundesligajahr nicht auf einer Baustelle oder gar in einem anderen Stadion zu verbringen, ist schon in Ordnung. Falls doch gebaut wird, freue ich mich dann schon auf die Auswärtsheimspiele im Olympiastadion. Vielleicht kann ja auch dort eine gute Atmosphäre entstehen. Und dann freue ich mich auf die Rückkehr an die Alte Försterei.

ZEIT ONLINE: Was erwartest du in sportlicher Sicht in Unions erster Bundesligasaison?

Deutschländer: Urs Fischer und Oliver Ruhnert traue ich zu, dass sie eine Mannschaft entwickeln, die es wieder bis zum letzten Spieltag, vielleicht sogar bis zur Relegation spannend macht.