Beachvolleyball ist ein Mosaik. Jedes Detail zählt, jedes Steinchen ist wichtig. Ist es komplett, ergibt sich ein Bild von gewaltiger Schönheit und ein Spiel von schöner Gewaltigkeit. Schlägt man jedoch das richtige Teilchen heraus, droht das Werk in sich zusammenzubrechen. 

So gesehen hat das deutsche Beachduo Julius Thole/Clemens Wickler reihenweise die Galerien großer Meister niedergerissen und aus diesen Akten kongenialer Destruktivität ihr eigenes Denkmal errichtet. Nun sind sie selber Meister: Vize-Weltmeister. Nur das russische Team war besser.

Gegner auf dem Weg dorthin waren so manche Großkaliber dieses Sports – zunächst die schlitzohrigen Weltmeister von 2013 aus Holland, Brouwer/Meeuwsen. Thole/Wickler zwangen sie nah ans Netz, wo Tholes schier endlose Arme dem Gegner jegliche Sonne und Hoffnung nehmen, den Ball anzugreifen. Das Ergebnis: Zwölf Blocks! Eine Meisterleistung.

Dann war da der Brasilianer Alison, Olympiasieger von Rio 2016, genannt "das Mammut". Dem 110-Kilo-Koloss raubten sie die Möglichkeit, seine brachiale Angriffspower zu entfalten, während sie seinen Partner Álvaro Filho in trotzig-wüste Angriffsraserei trieben. Sie endete allzu oft diagonal in Tholes Blockwand. Alisons Mimik war wie in Stein gemeißelt – Thole/Wicklers Viertelfinaleinzug auch.

Dort wartete US-Champ Philip Dalhausser, die lebende 39-jährige Legende, Olympiasieger von 2008 und Weltmeister von 2009, nebst seinem nicht minder famosen Partner Lucena. Doch Wicklers gelenkige Schläge führten ihn ein ums andere Mal in die Irre und um Dalhaussers Block herum. "Ich war immer einen Schritt zu spät", wird Lucena später sagen.

Halbfinale gegen die Besten

Es folgte das mit Abstand kompletteste Spiel der jungen deutschen Kaderathleten. Und das brauchte es auch, denn es ging gegen das kompletteste Team der Beachtour, die Norweger Mol/Sørum: Weltranglistenerste, Seriensieger – und auf dem Court so cool wie ein lauschiger Winterabend unter einer tanzenden Aurora Borealis. Sie sind die designierten Weltmeister. Oder besser, sie waren es. Denn Thole/Wickler gelang es, ihr Spiel zu modifizieren und die Schwächen zu minimieren, die Mol/Sørum bei ihnen offenlegten. Ihre Defensivarbeit wurde gefeiert wie selten.

Ekstase am Rothenbaum

Überhaupt, das Publikum. Die Zuschauer peitschten das deutsche Duo per Klatschpappe zu großartigen Hechtsprüngen und wurden ihrerseits vom DJ fortwährend angepeitscht. "Das ist definitiv Drei gegen Zwei, schon die ganze Woche", sagte Wickler einmal im Interview. Jeder Punkt wird musikalisch unterlegt, zu vielen Situationen gibt es bestimmte Choreografien, bei denen Sponsoren-Embleme gen Himmel gereckt werden. Das gehört mit zum Konzept der WM wie der freie Eintritt. Zuschauer zahlen nicht mit Geld, sondern indem sie sich in einer spaßigen Umgebung Werbetreibern aussetzen. Das WM-Turnier wirkt so wie eine Analogisierung des Internets.

Es gab auch Momente, da emanzipiert sich das Publikum von der Partychoreografie: Als Clemens Wickler plötzlich enorm effiziente (aber auch enorm risikoreiche) Sprungaufschläge auf die Norweger herabprasseln ließ; als sich der Spielball nach meterlangem Tanz auf der Netzkante doch entschied, auf norwegischer Seite herabzufallen, um den zweiten Satz de facto zu beenden; als das deutsche Duo die Skandinavier im Tiebreak durch einen gekonnten Cut-Shot niederrang – da brandeten "Thole! Wickler!"-Rufe durch das Rund; die Masse stimmte die Rhythmen von Seven Nation Army der White Stripes an, da verstummten für einen Moment die Lautsprecher. Gänsehaut.

Für Spannung sorgte zudem die Videoassistenz. Die offiziellen Bilder der High-Speed-Kameras wurden in dramatisch verzögerter Manier auf die Videoleinwände geworfen. 12.000 Detektive auf den Zuschauerplätzen suchen nach dem Fehler und diskutierten engagiert bis zur Klärung des Sachverhaltes. Der Clou indes ist, dass die Spieler den Beweis selbst anfordern dürfen: die sogenannte Challenge. Das gibt ihnen Verantwortung. Früher gab es bei strittigen Schiri-Entscheidungen Trash-Talk, heute Gewissheit. Andere Sportarten mögen sich dieses System doch bitte abgucken.

Den Russen gelingt, was zuvor den Deutschen gelang

Im Finale warten schließlich die Russen Krasilnikow und Stojanowski. Sie machen das, was Thole/Wickler bisher so gut gelungen ist: Sie finden die Steinchen, die das Spiel des Gegners auseinanderfallen lassen. Und sie lernen. Im ersten Satz setzen sich die Deutschen noch durch. Dann stellen die Russen den Ball weit weg von Tholes Blockwand – das bisher stabile Element verliert zusehends an Wirkung. So drischt das osteuropäische Duo die Bälle mit Wucht ins gegnerische Feld. Wicklers Verteidigung ist immer noch superb, doch in den entscheidenden Bällen fehlt beiden der Mut, die geretteten Bälle mit Druck zu nutzen.

Die Russen hingegen fassen sich ein Herz – und besonders Stojanowski jagt mit ungesehener Selbstsicherheit und über hundert Kilometern pro Stunde die Aufschläge übers Netz. Thole/Wickler schaffen es nicht, diese Schlaggewalt zu entschärfen. Etwas Gewaltiges wie der Weltmeistertitel scheint für die Deutschen noch etwas zu groß. Tholes unbeschwert breites Grinsen, das ihn zum Sympathiegaranten macht, flackert nur kurz auf. 

Auf Julius Thole und Clemens Wickler ruhten viele unausgesprochene Erwartungen. Ihr Team wurde zum Zweck des Erfolgs geschmiedet, ihr sportlicher Weg in minutiöser Kleinstarbeit geebnet: Psychologen, Training, Matchpläne – ein Leben für den Beach-Sport. Ein großer Titel war vorgesehen, Thole/Wickler lieferten ihn weit vor Abgabetermin. Sie sind nun Meister. Vizeweltmeister.