Das Leck von München – Seite 1

Geht es beim FC Bayern noch nach Uli Hoeneß, darf nun lange und munter gemutmaßt werden, wie es weitergeht. Die Bild-Zeitung schreibt, dass der FC Bayern ab November ohne Uli Hoeneß auskommen muss. Angeblich will sich der Präsident nicht mehr zur Wahl stellen. Der umstrittene, gleichzeitig auch erfolgreichste Manager des deutschen Sports tritt offenbar bald zurück. Der Verein und der gesamte deutsche Fußball stünden vor einem epochalen Einschnitt.

Wenn es denn stimmt, muss man ergänzen, denn Hoeneß, mit dieser für ihn sicher überraschenden Schlagzeile konfrontiert, sagte dem Kicker und der Süddeutschen Zeitung, dass er sich bis zum 29. August dazu nicht äußern wolle. Dann tagt der Verwaltungsbeirat des Vereins.

Hält er dieses lange Schweigen durch, wird über die Hintergründe spekuliert werden, etwa über folgende Variante, nennen wir sie A: Die Story ist eine Ente. Das ist nicht unmöglich, doch sie wurde von drei Reportern verfasst, die in der Regel gut informiert sind über die Verhältnisse und Ränkespiele an der Säbener Straße. Wahrscheinlicher ist, dass da viel dran ist. Aber auch dann muss gedeutet werden, was die Veröffentlichung für das komplexe Machtgefüge des Vereins bedeutet, wofür sich zwei weitere Hypothesen anbieten.

Zum Beispiel Variante B: Vielleicht ist Hoeneß von einer altersmilden Einsicht übermannt, der Einsicht, dass es Zeit wird, zu gehen. Im Januar feiert er seinen 68. Geburtstag. Sicher hat er auch registriert, dass seine Außenwirkung sehr gelitten hat. Früher war er eine Art zweiter Bundespräsident, doch Steuerstraftat und Haft haben seinem Ruf geschadet. Fehler und Peinlichkeiten, wie das mangelhafte Referat über das Grundgesetz, werden ihm heute auch von früher zahmen Medien vorgehalten. Selbst von manchen Mitgliedern und Fans des FC Bayern, wie auf der Jahreshauptversammlung 2018, als Redner sehr kritisch wurden.

Er muss sein Erbe regeln

Getroffen sagte Hoeneß damals: "Heute gibt es Ansätze, wie ich mir den FC Bayern nicht vorstelle." Später sagte er: "Der Tag ist nicht mehr fern, an dem ich sage: 'Das war's!'" Vielleicht ist er nun so weit.

Andererseits gibt es Leute in und um München, und damit sind wir bei Variante C, die sich sehr darüber wundern, was sie am Dienstagabend lesen mussten. Die glauben, dass es Hoeneß nicht entgangen sein kann, dass es beim FC Bayern viele Baustellen gibt. So sind etwa zwei Hoeneß-Spitzenkräfte angezählt, der Sportdirektor Hasan Salihamidžić und der Trainer Niko Kovač. Der neue Macher Oliver Kahn kommt erst im Januar, könnte demnach von Hoeneß nicht aufgebaut und eingearbeitet werden. Etwa in die nicht unkomplexe Aufgabe, mit dem Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge zusammenzuarbeiten, den Kahn irgendwann ersetzen soll.

Jeder weiß und Uli Hoeneß ganz besonders: Der FC Bayern wird ein anderer Verein sein ohne Uli Hoeneß. Dieser Zustand will gut vorbereitet sein, doch im Moment ist er erst halb fertig mit dem Umbau, mit der Regelung seines Erbes.

Herbert Hainer soll den FC Bayern in die Zukunft führen?

Da sind weitere Indizien, die nicht auf eine neue Zurückhaltung Hoeneß' schließen lassen. Im Februar kündigte er eine große Transferoffensive an, die er bislang schuldig blieb. Im April begrenzte er Salihamidžić' Budgethoheit auf die Portokasse. Im Mai legte er Jérôme Boateng nahe, den Verein zu verlassen. David Alaba und andere Spieler reagierten nun überrumpelt und schockiert, als sie vom Hoeneß-Abschied erfuhren. Wenn Hoeneß wirklich loslassen wollte, käme dies sehr plötzlich.

Vor allem ist da ein Fakt, auf den die Anhängerinnen und Anhänger der Variante C verweisen können: Hoeneß hat erst im Herbst seine Laufzeit als Aufsichtsratsvorsitzender der Bayern München AG verlängern lassen, die regulär 2022 endet. Ein Rückzug drei Jahre zuvor passt nicht zu demjenigen, der den FC Bayern vier Jahrzehnte lang wie ein Eigentümer führte.

Schwer vorstellbar auch, dass der zweite Teil der Bild-Story zu einem lange geplanten Hoeneß-Rückzug passt. Demnach soll Herbert Hainer sein Wunschnachfolger sein. Der Ex-CEO von adidas ist zwar ein Mann mit Erfahrung und Reputation, aber ohne Machtambition. So hielt er zwei Jahre den Platz im Aufsichtsrat frei und räumte ihn wie vorgesehen, als Hoeneß aus Landsberg zurückkehrte. Nicht zuletzt ist Hainer 65 und insbesondere: kein Fußballer. In so jemandem soll Hoeneß die große Zukunft seiner Herzenssache sehen?

Ein Schuss von hinten

Nicht ausgeschlossen, dass Hainer für seinen Handschlagfreund Hoeneß unvorhergesehen in die Bresche springt und man die wahren Gründe für Hoeneß' Rückzug noch nicht kennt. Ein Missing Link in der Informationskette.

Mutmaßungen, Spekulationen, Rätsel – doch die Meldung der Bild-Zeitung enthält auch eine neue Botschaft, die für den FC Bayern fast noch dramatischer ist als der Rücktritt selbst: Es war nicht Hoeneß, der ihn verkündete. Dabei wäre er auch in diesem Fall bestimmt gerne der Handelnde in eigener Sache gewesen. Die durchgesteckte Info, wie man in der Medienwelt so sagt, noch dazu an die Springer-Presse, mit der Hoeneß im Clinch lag, war offenkundig ein Akt der Illoyalität, ein Streifschuss von hinten, aus eigenen Reihen. Ein Hinweis auf auch internen Machtverlust.

Vielleicht geht es beim FC Bayern, den er als Spieler und speziell als führungsstarker und wirtschaftskompetenter Manager zur Weltmarke geformt hat, also nicht mehr nach Uli Hoeneß. Für Kovač und Salihamidžić, die auf dessen Schutz angewiesen sind, war die Nachricht jedenfalls keine gute. Für Hoeneß erst recht nicht, über ihn wird nun viel geredet werden. Und er muss ein Leck suchen und stopfen. Der FC Bayern ist inzwischen sogar mit Hoeneß ein anderer Verein.