Kathrin Längert, 32, spielte für den FCR Duisburg, Bayern München, den FC Rosengård in Schweden und FF USV Jena. Je zweimal wurde die Torhüterin schwedische Meisterin und DFB-Pokalsiegerin. 2009 gewann sie den Uefa Women's Cup, die heutige Champions League also. Von 2011 bis 2013 stand sie im Kader der Nationalmannschaft. 2017 beendete sie ihre Karriere, heute arbeitet sie als Lehrerin. Sie verfolgte die Berichterstattung über die WM in Frankreich, auch die Userkommentare auf ZEIT ONLINE. Und zu denen möchte sie zum Abschluss der WM etwas sagen. Denn vieles, und durchaus auch viel Negatives, das sich in der Kommentarspalte von ZEIT ONLINE finden lässt, ist für Längert exemplarisch für die Stimmung in Deutschland, gegen die der Frauenfußball noch immer ankämpfen muss.
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Kathrin Längert: Eins vorweg, man muss Frauenfußball nicht gut finden. Aber dieser Kommentar enthält sämtliche Vorurteile über unser Geschlecht in zwei Sätzen. Dass die Geschlechter gleichberechtigt sind, steht im Grundgesetz. Seit siebzig Jahren also, und nicht erst seit 1998, als die Grünen regierten. Und welches klischeehafte Frauenbild steckt hinter einer solchen Aussage? Wie können Frauen denn "glänzen"? Sollen wir uns, bevor wir aufs Feld gehen, Glitter in die Haare machen oder Trikots mit Pailletten tragen? Ich denke, Sportlerinnen, die ihr Land bei einer WM vertreten, glänzen von selbst.

Kathrin Längert © privat

Übrigens stimmt es nicht, was er oder sie schreibt. Maximal 15 Prozent der Berichterstattung in deutschen Medien, das belegen Studien, drehen sich um Frauensport. Die Artikel darüber sind kürzer, die Bilder kleiner. Ich beobachte allerdings eine Schönfärberei bei den WM-Berichten von ARD und ZDF. Diese Haltung, vermute ich, rührt aus einem schlechten Gewissen. Weil wir eben sonst nicht vorkommen. Manche Journalisten haben auch einfach keine Ahnung. Wenn ich nicht weiß, wozu eine Spielerin in der Lage ist, kann ich sie nicht kritisieren. Wenn Deutschland schlechter spielt, wie in Teilen während dieser WM, sollte man das auch klar sagen. Wir wollen fachlich kritisiert werden.

Längert: Warum ist der ewige Vergleich mit den Männern so wichtig? Wenn die Sprinterin Gina Lückenkemper siegt, sagt man doch auch nicht, dass sie bei den Männern nicht mal ins Finale gekommen wäre. Wenn Angelique Kerber gewinnt, heißt es doch auch nicht, dass sie gegen die Nummer 183 der Männer verloren hätte. Der Unterschied in der athletischen Leistungsfähigkeit zwischen Mann und Frau beträgt nun mal etwa zwischen zehn und 20 Prozent, ob beim Laufen, Tennis oder sonst wo. Das stört manche Menschen seltsamerweise immer nur beim Fußball.

Längert: Auch viele Spielerinnen laufen mehr als zehn Kilometer pro Spiel. Und übrigens: Diese zehn Kilometer durchzusprinten, das schafft nicht mal ein 10.000-Meter-Olympiasieger.

Längert: Was jemand attraktiv findet, ist natürlich Geschmackssache. Der eine steht auf Renner, ich hingegen auch auf Kombinationen und Kampfgeist. Das können Frauen genauso wie Männer, die Technik ist dieselbe, schießen oder Bälle fangen kann man auch mit Brüsten. Ich teile ja die Kritik mancher Expertinnen und auch Leser, dass in Deutschland nicht immer die richtigen Prioritäten gesetzt werden. Die Weltmeisterinnen von 2003 hatten starke Technikerinnen, etwa Renate Lingor, Maren Meinert oder Bettina Wiegmann, das Spieltempo war aber auch geringer. Später wurde im Frauenfußball Athletik immer wichtiger, dort sah man noch das größte Entwicklungspotenzial. Man wünscht sich von der deutschen Elf manchmal mehr Spielwitz, auch weil Dzsenifer Marozsán, Lina Magull oder Sara Däbritz mit dem Ball eigentlich alles können.

Es ist auch eine generelle Entwicklung im deutschen Fußball, denn wir werden ja nicht getrennt ausgebildet. Wir spielen erst mal alle mit Jungs, ich ja auch. Lena Oberdorf sogar noch in der B-Jugend. Auch bei den Männern heißt es ja, dass man zu viel Wert auf das Passen und Taktik gelegt hat und das Individuelle ein wenig verloren ging.

Längert: Nein, es kann immer noch nicht jedes Mädchen, ohne blöde Sprüche zu ernten, Fußball spielen, sonst würden wir diese Diskussion nicht führen.

Längert: Über Regeln, etwa ob man Frauentore verkleinern soll, kann man immer diskutieren, aber doch bitte mit Fachkenntnis. Fallen bei den Frauen tatsächlich mehr Tore in der oberen Hälfte des Tors, gibt es dazu Studien? Der User hat recht, der Regeldiskurs ist von viel Unkenntnis geprägt. Da äußern sich viele, die sich für unseren Sport nur alle vier Jahre interessieren. Oder die im Internet am lautesten schreien und ihre Männlichkeit über die Herabwürdigung des Frauenfußballs definieren.

Zu mir kam nie eine Mitspielerin und sagte: "Mal unter uns, Kathrin, eigentlich ist das Feld ziemlich groß." Oder: "Unter vier Augen, findste den Ball auch so schwer?" Ich finde nicht, dass man den Frauenfußball den Sehgewohnheiten der Männerfußballfans anpassen muss. Wir spielen das Spiel. Fragt doch mal uns!