Peter Postus, 56, ist seit 1972 beim Fußballverein SV Vestia Disteln in Herten ehrenamtlich tätig. Nun hat er eine Petition eingereicht, in der er eine finanzielle Aufwertung des Ehrenamtes fordert.

ZEIT ONLINE: Herr Postus, im Fußballverein geht es um Fußball. Auch um mehr?



Peter Postus: Ja. Fußballvereine in Deutschland leisten einen erheblichen Beitrag zum Gemeinwohl. Zunächst können Kinder im Vorschulalter hier Sport in einem Umfang treiben, der ihnen bei kirchlichen oder städtischen Trägern nicht möglich ist. Nicht nur Fußball übrigens. Auch Jugendlichen, Erwachsenen und Senioren bieten wir viele Möglichkeiten. Sportvereine tun aber nicht nur viel für die Gesundheit, sie ermöglichen auch Gemeinschaften und Freundschaften über Nationen hinweg. Sie ermöglichen täglich Integration. Und nicht zuletzt vermitteln und leben sie Werte im Umgang miteinander.


ZEIT ONLINE: Welche Ehrenämter gibt es in Ihrem Verein, dem SV Vestia Disteln?



Postus: Eine Menge: Vorstand, Übungsleiter, Betreuer, Schiedsrichter und Schiedsrichterbetreuung, Platzaufbau, Trikotwäsche, Betreuung des Vereinsheims, Platzpflege, Stadionsprecher, Kassierer, Ein -und Verkauf von Getränken und Speisen, Gerätewart, Kleidungswart, Veranstaltungsplanung, Internetpräsenz, Marketing, Öffentlichkeitsarbeit und Sponsoring. Und noch vieles mehr.



ZEIT ONLINE: Wie viel Arbeit ist das?



Postus: Die Leute in Sportvereinen investieren sehr viel Zeit. Studien haben die monatliche Arbeitsleistung errechnet, bei reinen Fußballvereinen liegt sie bei 23 Stunden, was etwa meinem aktuellen Aufwand entspricht. Schätzungen zufolge arbeiten Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler in Sportvereinen bundesweit zwei Millionen Stunden im Monat. Daraus resultiert eine Wertschöpfung von rund 30 Millionen Euro.



ZEIT ONLINE: Daher haben Sie eine Petition erstellt, in der sie eine Aufwertung des Ehrenamtes fordern. Eine Aufwertung des nichtpolitischen Ehrenamtes, um genau zu sein. Was haben Sie gegen Politik?



Peter Postus war in Disteln Spieler, Trainer, Schiedsrichter, Jugendleiter, Betreuer und Vorsitzender, seit 2018 ist er Ehrenamtspreisträger. © privat

Postus: Nichts, doch seit einigen Jahren wird in vielen Bundesländern das politische Ehrenamt vergütet. Meine Stadt Herten kostet das fast 500.000 Euro pro Jahr. Alle 44 ehrenamtlichen Helfer des Hertener Rats erhalten 386,80 Euro im Monat, der Vizebürgermeister und die Fraktionsvorstände sowie deren Stellvertreter 1.160 Euro. Manche haben mehrere Ämter. Kann man da überhaupt noch von einem Ehrenamt sprechen oder sind das schon Mini- und Teilzeitjobs?

 Die Politik sichert sich Privilegien und bedient sich wieder mal an Steuern, das passt leider ins gegenwärtige Bild. Natürlich ist das politische Ehrenamt wichtig. Doch ist es wichtiger als das im Sport oder bei der Feuerwehr oder beim Roten Kreuz? Ich sehe da eine große Ungleichbehandlung, zumal Vorsitzende von Sportvereinen mit ihrem Privatvermögen für Fehlentscheidungen haften. Von einer Haftung in der Politik habe ich noch nichts gehört.



ZEIT ONLINE: Den Sportvereinen bleibt immerhin die Übungsleiterpauschale. 2.400 Euro im Jahr dürfen Trainer in einem Sportverein verdienen, ohne dass sie für diese Summe Steuern oder Sozialabgaben abtreten müssen.



Postus: Das entspricht allerdings einer Entlastung von höchstens 100 Euro im Monat. Zudem können die meisten Vereine diese Pauschale gar nicht erst aufbringen. 



ZEIT ONLINE: Aber im Ehrenamt geht es doch gerade nicht um Geld.



Postus: Ja, mir persönlich geht es auch nicht darum, ich habe von meinem Verein nie etwas bekommen und will es auch künftig nicht. Leider sinkt jedoch die Bereitschaft in Deutschland, ein Ehrenamt auszuüben. Gleichzeitig steigen die Ansprüche an einen Verein. Es muss etwas passieren. Die Politik sollte sich neue Modelle überlegen, etwa Steuervorteile für die Ehrenamtler.



ZEIT ONLINE: Ihre Petition erzielt keine große Wirkung, oder?



Postus: Das stimmt einerseits. Leider haben sie nur 165 Leute unterstützt, nun prüft sie der Petitionsausschuss. Andererseits, wieder 165 Menschen mehr, die sich Gedanken über die Zukunft des Ehrenamtes machen. Ich will vor allem auf das Thema aufmerksam machen, auch in politischen Kreisen. Ohne das Ehrenamt würde Deutschland nicht funktionieren. Doch sein Wert wird nur in Sonntagsreden oder auf Plakaten betont. Auch der DFB, der größte Sportverband der Welt, tut viel zu wenig für das Ehrenamt.