An der Börse spielen Fantasien eine entscheidende Rolle. Glaubt man den Finanzexperten, läuft die Sache so: Ein Unternehmen muss einem Anleger eine Story erzählen, an die er glauben kann. Entweder regt eine glorreiche Vergangenheit zum Träumen an, oder der Aktionär kann sich zumindest eine erfolgreiche Zukunft ausmalen. Am besten beides.

Vor 19 Jahren hat die Spielvereinigung Unterhaching den FC Bayern einmal zum Meister gemacht, indem sie Bayer Leverkusen besiegte, unter anderem durch ein Eigentor von Michael Ballack. Im Biergarten des Wirtshauses am Sportpark reden sie noch immer von dieser Zeit in der Bundesliga. Schon damals war Unterhaching das Synonym für Fußballprovinz. Noch heute, der Club spielt mittlerweile in der dritten Liga, begrüßen Spieler und Trainer treue Fans per Handschlag.

Seit einigen Tagen kann man Aktien der SpVgg Unterhaching kaufen. Gehandelt werden sie an der Münchner Börse, am Freitag endet die Zeichnungsfrist. Die Frage ist also: Wie viel Fantasie weckt die SpVgg Unterhaching?

Geht es nach Manfred Schwabl, eine Menge. Der Unterhachinger Präsident sagt: "Wir sind ein Verein, der schon einmal Geschichte geschrieben hat, der jetzt eine neue Ära einleiten und wieder in die Richtung zurückwill, wo er mal herkam."

Oliver Roth war früher Fußballprofi, heute leitet er die Aktienabteilung bei der Privatbank Oddo Seydler. Er sagt: "Ich glaube, dass das ein steiniger Weg ist."

Insgesamt werden gut 3,5 Millionen Aktien der Spielvereinigung Unterhaching ausgegeben. Mindestens  die Hälfte davon wird der Club halten und somit auch künftig die Kontrolle über die Geschäftsführung haben. So will es die 50+1-Regel. 954.365 der Aktien aber kann jeder kaufen, der Lust hat. Sie kosten 8,10 Euro. Mit dem Verkauf der Anteile könnte Unterhaching im besten Fall fast acht Millionen Euro einnehmen. Bis Freitag hatten etwa 1.000 Anleger für rund drei Millionen Euro Aktien gezeichnet. Ab kommenden Dienstag ist Unterhaching offiziell an der Börse notiert und die Aktien gehen in den freien Handel. 19 Jahre nach Borussia Dortmund traut sich die Spielvereinigung als erst zweiter deutscher Fußballverein überhaupt an die Börse.

Nicht der FC Bayern, nicht Schalke, nicht mal der VfL Bochum

Eine Aktie des BVB kostet aktuell 9,13 Euro. Wie viele Menschen kaufen bei einem Preisunterschied von einem Euro Aktien der SpVgg Unterhaching statt von Borussia Dortmund? "Das ist das Problem", sagt Roth, "an der Börse spielt man bei den Großen mit."

Zu Heimspielen des BVB kommen alle zwei Wochen mehr als 80.000 Zuschauer. Zu Unterhaching kamen im vergangenen Jahr 3.334.

In der Saisonvorbereitung tingelte die Spielvereinigung durch Oberbayern. Sie spielte in Miesbach, Eiselfing und Pfaffenhofen. Unterhaching ist dort ein gern gesehener Gast. Schwabl, den die meisten Manni nennen, brachte jedes Mal als Geschenk ein Trikot mit und nach dem Spiel blieb seine Mannschaft zum Essen. Klar, viele hätten lieber die Bayern oder Sechzig zu Gast gehabt, aber Unterhaching ist sympathisch, obwohl sie nicht viele Fans mitbringen. Aber reicht es an der Börse, ein kleiner, sympathischer Verein zu sein?

Dass mal wieder ein deutscher Verein an die Börse geht, habe ihn nicht überrascht, sagt Roth. "Überrascht hat mich, dass ein nicht ganz so großer, nicht ganz so bekannter, nicht ganz so traditionsreicher Club aus der dritten Liga diesen Weg geht." Unterhaching ist nun mal nicht der FC Bayern. Auch nicht Schalke 04 und noch nicht mal der VfL Bochum. Das macht es nicht einfacher, Investoren langfristig vom neuen Geschäftsmodell zu überzeugen.

Schwabl ist dennoch von seinem Plan überzeugt. "Wir mussten mit unserer wirtschaftlichen Struktur einfach ein bisschen ausschweifen", sagt er. In München ist die Konkurrenz um Sponsoren groß: Es gibt 1860, natürlich die Bayern, dazu im Basketball (auch die Bayern) und Eishockey zwei Mannschaften, zu denen mehr Zuschauer kommen als in den Sportpark. Einmal lief man sogar die gesamte Drittliga-Hinrunde ohne Trikotsponsor auf. Zuletzt schrieb der Verein tiefrote Zahlen. Rund fünf Millionen Euro Umsatz, 4,75 Millionen Schulden.