Völkerball gehört seit Jahrzehnten zum Sportunterricht. Kanadische Wissenschaftler wollen nun herausgefunden haben, dass Dodgeball, die amerikanische Variante des Völkerballs, entmenschlichend ist. Die Sportlehrerin Petra Schulte, 39, unterrichtet seit 2008 am Städtischen Gymnasium Ochtrup. Sie erklärt, warum sie die aktuelle Diskussion kaum nachvollziehen kann und wo es zu Mobbing kommt.

ZEIT ONLINE: Frau Schulte, lassen Sie im Sportunterricht noch Völkerball spielen?

Petra Schulte: Natürlich. Warum nicht? Bei den Schülern ist Völkerball nicht mehr oder weniger beliebt als andere Spiele.

ZEIT ONLINE: Was mögen Sie und die Schüler an Völkerball?

Schulte: Das Spiel bietet Sportlehrern viele Möglichkeiten. Man kann Regeln erfinden, Sonderpunkte einführen. Es gibt da mehrere Varianten. Manchmal wünscht sich eine Klasse etwa ein Spiel mit Matten oder Geräten, zwischen denen man sich verstecken kann. Und selbst wenn ein Kind rausgeworfen ist, muss es nicht auf der Bank sitzen und zuschauen, sondern kann sich ins Spiel zurückwerfen.

ZEIT ONLINE: Die kanadische Bildungswissenschaftlerin Joy Butler spricht aber von legalisiertem Mobbing in Bezug auf Dodgeball.

Schulte: Dodgeball ist nicht Völkerball. Beim Dodgeball kann man nicht selbst wieder ins Spiel zurückzukommen, sondern nur durch die Hilfe eines Mitspielers, das kann dauern. Und Joy Butler hat ihre Aussagen ja auch relativiert, indem sie gesagt hat, dass es verschiedene Dodgeball-Varianten gibt. Überhaupt kann ich die aktuelle Diskussion kaum nachvollziehen. Natürlich gibt es in einem Wettkampf einen Gewinner und einen Verlierer. Das ist bei Mensch ärgere Dich nicht aber genauso. Mobbing passiert an ganz anderen Stellen.

ZEIT ONLINE: Zum Beispiel?

Schulte: Kinder werden gemobbt, weil sie das falsche Trikot tragen oder sich keine neuen Sportschuhe kaufen können. Was in den Kabinen abgeht, können Lehrer sowieso nicht wirklich sagen. Mobbing würde ich auf keinen Fall an einem Sportspiel festmachen.

ZEIT ONLINE: In den sozialen Medien haben viele von ihren negativen Erfahrungen mit Völkerball berichtet.

Schulte: Ich kann das ja nachvollziehen. Aber sicher haben viele genauso schlechte Erfahrungen mit dem Sprint gemacht. Ich glaube, Schulsport stößt vielen bitter auf, weil dort offensichtlich ist, wer besser oder schlechter ist. In das Matheheft guckt nicht jeder. Hinzu kommt, dass viele Schüler Sieg oder Niederlage in einem Sportspiel vielleicht höher hängen, als es der Sportunterricht suggerieren sollte. Aber genau da sind Sportlehrer gefragt.

ZEIT ONLINE: Wie denn?

Schulte: Indem sie gezielt pädagogisch sinnvolle Spielformen einsetzen. Völkerball zähle ich definitiv dazu. Auch ist im Völkerball die Leistungsschere nicht so groß wie beispielsweise beim Fußball, wo viele schon Erfahrung aus den Vereinen mitbringen. In der Oberstufe lasse ich deshalb ungern Fußball spielen.